in der Praxis

Frage:

Ein älterer Patient mit einer, wahrscheinlich temporären Querschnittlähmung aufgrund einer OP, äußerte Gedanken, wie er gerne sterben möchte, er möchte gerne friedlich einschlafen. ich habe versucht, ihn zu breuhigen und bewusst zu machen, dass es da draußen noch ein Leben für ihn gibt, dass die Lähmung sich sehr wahrscheinlich bessern würde, und versucht, die jetzige Situation für ihn handhabbarer zu machen, im Sinne von Antonovsky.
Was hätte man noch sagen und tun können im Sinne der Salutogenese und welche weiteren Theorien geben Hilfe in dieser Situation, dass der Pat. Sterbewünsche / Gedanken an den Tod hat?

Antwort:

Ich finde, du hast in dieser Situation schon etwas Wichtiges getan: Du hast versucht, dem Patienten Hoffnung zu vermitteln und ihm zu zeigen, dass seine gegenwärtige Situation nicht zwangsläufig sein zukünftiges Leben bestimmen muss. Gleichzeitig hast du versucht, seine Situation im Hier und Jetzt erträglicher und handhabbarer zu machen. Genau an dieser Stelle treffen sich Salutogenese, psychologische Unterstützung und professionelle Pflege.

Es gibt allerdings einen Punkt, an dem ich deinen Ansatz etwas ergänzen würde: Wenn ein Mensch äußert, dass er gerne friedlich einschlafen und sterben möchte, braucht er zunächst nicht unbedingt eine Erklärung dafür, warum sein Leben noch lebenswert ist. Manchmal braucht er erst einmal jemanden, der versteht, warum es ihm gerade so schwerfällt, weiterleben zu wollen.

Das ist kein Widerspruch zu deiner Reaktion. Du wolltest ihm Hoffnung geben. Entscheidend ist, dass Hoffnung nicht dazu führt, dass der Patient das Gefühl bekommt, seine Verzweiflung sei unbegründet oder dürfe nicht ausgesprochen werden.

Schauen wir uns das anhand verschiedener Pflegetheorien an. Ich würde insbesondere die Salutogenese nach Antonovsky, die Selbstpflege- und Bewältigungsansätze, die personenzentrierte Pflege und die existenzielle Begleitung heranziehen.

1. Salutogenese nach Antonovsky: Was stärkt den Patienten in seiner Situation?

Antonovsky betrachtet nicht nur die Frage, wodurch ein Mensch krank wird, sondern auch, was ihm hilft, trotz Belastungen gesund zu bleiben oder seine Gesundheit wiederzugewinnen.

Im Mittelpunkt steht das Kohärenzgefühl (Sense of Coherence, SOC). Es besteht aus drei Komponenten: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit. NCBI

Bei deinem Patienten sind alle drei Komponenten möglicherweise erschüttert.

1.1 Verstehbarkeit: Was geschieht gerade mit mir?

Der Patient erlebt eine Querschnittlähmung nach einer Operation. Möglicherweise weiß er nicht, ob er jemals wieder laufen kann, wie lange die Rehabilitation dauern wird oder wie sein Leben künftig aussehen könnte.

Eine solche Situation kann sich völlig unübersichtlich und bedrohlich anfühlen.

Was du tun könntest:

  • Ihm zuhören und herausfinden, was er über seine Erkrankung und Prognose weiß.
  • Fragen, welche Informationen ihm noch fehlen.
  • Medizinische Zusammenhänge verständlich erklären, soweit du sie sicher kennst.
  • Bei offenen Fragen ein Gespräch mit dem behandelnden Arzt vermitteln.
  • Nicht nur über körperliche Folgen sprechen, sondern auch über die Ängste, die damit verbunden sind.

Beispielsweise:

„Herr X, Sie haben gerade eine sehr einschneidende Veränderung erlebt. Wissen Sie schon, wie die Ärzte Ihre Situation einschätzen? Oder gibt es noch viele offene Fragen, die Sie beschäftigen?“

Damit gibst du ihm die Möglichkeit, seine eigene Sicht auf die Situation zu schildern.

Wichtig: Du solltest ihm keine Besserung versprechen, die medizinisch nicht gesichert ist. Eine realistische Hoffnung ist wertvoller als eine beruhigende Prognose, die sich später möglicherweise nicht erfüllt.

1.2 Handhabbarkeit: Was kann ich trotz meiner Situation noch beeinflussen?

Eine Lähmung kann das Gefühl vermitteln, dem eigenen Körper und dem eigenen Leben ausgeliefert zu sein.

Vielleicht kann der Patient nicht mehr selbstständig aufstehen, sich waschen oder die Toilette benutzen. Er ist auf Hilfe angewiesen, möglicherweise auch bei sehr persönlichen Tätigkeiten.

Seine bisherige Selbstständigkeit ist plötzlich eingeschränkt. Das kann für einen Menschen eine enorme psychische Belastung darstellen.

Hier könntest du ansetzen, indem du ihm kleine, tatsächlich erreichbare Handlungsmöglichkeiten zurückgibst.

Beispiele:

  • Ihn bei der Körperpflege so viel wie möglich selbst übernehmen lassen.
  • Ihn entscheiden lassen, wann und wie bestimmte Pflegemaßnahmen durchgeführt werden.
  • Gemeinsam erreichbare Tagesziele festlegen.
  • Ihm erklären, welche Fähigkeiten er momentan einsetzen kann.
  • Physiotherapie und Ergotherapie als Möglichkeiten aufzeigen, vorhandene Fähigkeiten zu erhalten oder neue Strategien zu erlernen.
  • Seine Schmerzen, Schlafprobleme und andere belastende Symptome ernst nehmen und deren Behandlung anstoßen.

Du könntest etwa fragen:

„Was ist Ihnen im Moment besonders wichtig? Gibt es etwas, das Sie gerne selbst machen würden, wobei ich Sie unterstützen kann?“

Das klingt unspektakulär. Aber wenn jemand gerade die Kontrolle über große Teile seines Lebens verloren hat, kann die Möglichkeit, über eine kleine Sache selbst zu entscheiden, viel bedeuten.

Salutogenetisch geht es nicht darum, dem Patienten einzureden, dass er alles schaffen kann. Es geht darum, ihm zugängliche Ressourcen zu erschließen, mit denen er seine Situation besser bewältigen kann.

1.3 Sinnhaftigkeit: Wofür lohnt es sich, weiterzumachen?

Das ist möglicherweise die schwierigste Ebene.

Ein Patient kann genau wissen, was mit ihm geschehen ist, und ausreichend Unterstützung bekommen. Trotzdem kann er sich fragen, ob sein zukünftiges Leben noch lebenswert sein wird.

Vielleicht ist er bisher viel gewandert, hat im Garten gearbeitet, war beruflich aktiv oder hat seine Familie versorgt. Wenn er diese Tätigkeiten nicht mehr ausüben kann, steht möglicherweise nicht nur seine Mobilität infrage, sondern sein bisheriges Selbstbild.

Hier war dein Versuch, ihm zu zeigen, dass es außerhalb der Klinik noch ein Leben gibt, durchaus nachvollziehbar.

Ich würde allerdings einen Schritt davor ansetzen.

Statt ihm zu erklären, weshalb es noch ein Leben für ihn gibt, könntest du zunächst herausfinden, was für ihn persönlich ein lebenswertes Leben ausmacht.

Beispielsweise:

  • „Was fehlt Ihnen im Moment am meisten?“
  • „Was macht Ihnen an Ihrer jetzigen Situation die größte Angst?“
  • „Was müsste sich verändern, damit die Situation für Sie wieder erträglicher wird?“
  • „Gibt es Menschen oder Dinge, die Ihnen bisher besonders wichtig waren?“

Vielleicht stellt sich heraus, dass er vor allem Angst hat, seiner Frau zur Last zu fallen. Vielleicht fürchtet er dauerhafte Pflegebedürftigkeit oder den Verlust seiner Würde. Vielleicht kann er sich ein Leben ohne selbstständiges Gehen schlicht noch nicht vorstellen.

Je nachdem, was er antwortet, ergeben sich unterschiedliche Möglichkeiten der Unterstützung.

Wichtig: Du musst ihm nicht sofort einen neuen Lebenssinn vermitteln. Manchmal besteht die erste Aufgabe darin, gemeinsam auszuhalten, dass er im Moment keinen erkennen kann.

Die Sinnhaftigkeit ist ein Teil des Kohärenzgefühls, keine Aufforderung, in jeder Katastrophe sofort etwas Positives zu entdecken. NCBI


2. Was hätte man konkret anders oder zusätzlich sagen können?

Ich würde deine bisherige Reaktion nicht als falsch bezeichnen. Du hast versucht, Hoffnung zu vermitteln. Ergänzen würde ich sie um mehr offene Fragen und eine ausdrückliche Anerkennung seiner Verzweiflung.

Hier ein mögliches Gespräch, das du in einer ähnlichen Situation führen könntest.

Schritt 1: Den Sterbewunsch ernst nehmen

Der Patient sagt:

„Ich möchte einfach friedlich einschlafen und nicht mehr aufwachen.“

Du könntest antworten:

„Das klingt, als wäre Ihnen im Moment alles zu viel. Möchten Sie mir erzählen, was Sie gerade am meisten belastet?“

Warum ist das sinnvoll?

Du widersprichst ihm nicht und bewertest seine Aussage nicht. Stattdessen signalisierst du, dass er über seine Gedanken sprechen darf.

In der Gesprächsführung wird das unter anderem als Validierung bezeichnet: Du erkennst das subjektive Erleben des Patienten an, ohne damit jede Schlussfolgerung des Patienten bestätigen zu müssen.

Eine weitere Möglichkeit wäre:

„Ich kann mir vorstellen, dass diese plötzliche Veränderung sehr schwer für Sie ist. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an die nächste Zeit denken?“

Du musst dabei nicht behaupten, genau zu wissen, wie er sich fühlt. Gerade bei einer solchen Krise ist ein ehrliches Interesse hilfreicher als eine vermeintlich perfekte Antwort.

Schritt 2: Herausfinden, was hinter dem Sterbewunsch steckt

Sterbewünsche können sehr unterschiedliche Bedeutungen haben.

Manche Menschen wünschen sich vor allem, dass Schmerzen oder Angst aufhören. Andere haben Angst vor Pflegebedürftigkeit, fühlen sich als Belastung für ihre Angehörigen oder sehen keine Zukunft mehr. Bei manchen liegen konkrete Suizidgedanken vor.

Diese Möglichkeiten dürfen nicht miteinander gleichgesetzt werden. Thieme CNE Pflegemagazin

Du könntest beispielsweise fragen:

  • „Was ist für Sie im Moment am schwersten auszuhalten?“
  • „Haben Sie Angst davor, wie Ihr Leben nach der Klinik aussehen könnte?“
  • „Ist es vor allem der Wunsch, dass diese Situation aufhört, oder denken Sie tatsächlich daran, sich das Leben zu nehmen?“

Die letzte Frage mag zunächst ungewohnt klingen. Sie ist aber wichtig.

Wenn ein Mensch einen Sterbewunsch äußert, muss geklärt werden, ob es sich um einen passiven Todeswunsch handelt oder ob aktive Suizidgedanken bestehen. Bei entsprechenden Hinweisen muss die Gefährdung professionell eingeschätzt werden.

Direktes, ruhiges Nachfragen bringt Menschen nicht erst auf die Idee, sich das Leben zu nehmen. Es hilft vielmehr, ihre Situation besser einzuschätzen. Leitlinien.de

Schritt 3: Seine Angst nicht vorschnell wegnehmen wollen

Angenommen, der Patient sagt:

„Ich will nicht für den Rest meines Lebens im Rollstuhl sitzen und anderen zur Last fallen.“

Eine spontane Antwort könnte sein:

„Aber Sie wissen doch noch gar nicht, ob das wirklich so kommt!“

Das ist sachlich möglicherweise richtig, hilft emotional aber nur begrenzt.

Besser wäre:

„Sie haben Angst, dass Sie Ihre Selbstständigkeit verlieren und dauerhaft auf andere angewiesen sein werden. Habe ich Sie richtig verstanden?“

Wenn er zustimmt, könntest du nachfragen:

„Was wäre für Sie daran besonders schlimm?“

Vielleicht geht es ihm um seine Würde, seine Privatsphäre oder die Vorstellung, dass seine Angehörigen ihn pflegen müssen.

Erst wenn du das verstanden hast, kannst du mit ihm nach Möglichkeiten suchen, diese konkrete Angst zu bewältigen.

Das ist ein wichtiger Unterschied: Du versuchst nicht, seine Angst sofort zu beseitigen, sondern zunächst, sie zu verstehen.

Schritt 4: Hoffnung anbieten, ohne sie aufzudrängen

Nachdem der Patient seine Ängste ausgesprochen hat, könntest du sagen:

„Ich kann Ihnen nicht versprechen, wie viel sich körperlich wieder verbessern wird. Aber Sie müssen die ganze Zukunft auch nicht heute entscheiden. Wir können gemeinsam schauen, was Ihnen jetzt hilft und welche Möglichkeiten sich im Verlauf ergeben.“

Dieser Satz verbindet mehrere Dinge:

  • Er erkennt die Unsicherheit der Situation an.
  • Er vermeidet falsche Versprechungen.
  • Er richtet den Blick auf die unmittelbar bevorstehenden Schritte.
  • Er lässt Raum für zukünftige Entwicklungen.

Hoffnung muss nicht immer bedeuten, dass jemand wieder laufen wird.

Sie kann zunächst bedeuten, dass Schmerzen behandelt werden, eine Nacht ruhiger verläuft, eine schwierige Frage geklärt wird oder ein Angehöriger zu Besuch kommt.

Auch kleine Veränderungen können die Wahrnehmung einer scheinbar ausweglosen Situation beeinflussen.

Schritt 5: Die nächsten Schritte gemeinsam vereinbaren

Zum Abschluss könntest du fragen:

„Was würde Ihnen heute helfen, die Situation ein wenig besser auszuhalten?“

Vielleicht möchte der Patient mit seiner Frau sprechen. Vielleicht benötigt er ein Gespräch mit dem Arzt über seine Prognose. Vielleicht hat er Schmerzen, kann nicht schlafen oder möchte mit jemandem über seine Angst vor dauerhafter Pflegebedürftigkeit sprechen.

Wenn sich daraus eine konkrete Möglichkeit ergibt, könntest du ihm anbieten, diese gemeinsam mit ihm anzugehen.

Damit wird aus einem sehr großen, kaum lösbaren Problem eine überschaubare Aufgabe.

Allerdings ist es wichtig, dass du als Auszubildender beziehungsweise Pflegefachkraft die Grenzen deiner Rolle beachtest und entsprechende Unterstützung im Team organisierst.


3. Weitere Theorien und Konzepte, die in dieser Situation helfen

Antonovsky ist ein guter Ausgangspunkt. Ich würde aber noch weitere Ansätze ergänzen, weil sie unterschiedliche Aspekte der Situation beleuchten.

Theorie oder Konzept Kerngedanke Anwendung bei deinem Patienten
Personenzentrierter Ansatz nach Carl Rogers Ein Mensch braucht Empathie, Wertschätzung und Echtheit. Zuhören, seine Gefühle anerkennen und ihn nicht zu einer bestimmten Sichtweise drängen.
Bewältigungsmodell nach Lazarus und Folkman Menschen bewerten Belastungen und ihre verfügbaren Bewältigungsmöglichkeiten. Herausfinden, was der Patient als Bedrohung erlebt und welche Ressourcen ihm zur Verfügung stehen.
Selbstwirksamkeit nach Albert Bandura Menschen gewinnen Zuversicht, wenn sie erleben, dass sie selbst etwas bewirken können. Kleine, erreichbare Ziele vereinbaren und eigene Fähigkeiten erhalten oder neu entwickeln.
Selbstpflegedefizit-Theorie nach Dorothea Orem Pflege unterstützt Menschen, wenn sie ihre Selbstpflege nicht ausreichend selbstständig durchführen können. Selbstständigkeit fördern, Hilfe gezielt anbieten und unnötige Abhängigkeit vermeiden.
Interpersonale Beziehungstheorie nach Hildegard Peplau Die therapeutische Beziehung ist ein wesentliches Element professioneller Pflege. Vertrauen aufbauen, Ängste erkunden und den Patienten bei der Bewältigung seiner Krise begleiten.
Existenzielle Ansätze, etwa nach Viktor Frankl Menschen setzen sich mit Sinn, Freiheit, Verantwortung und unvermeidbarem Leid auseinander. Gemeinsam erkunden, was dem Patienten trotz seiner veränderten Lebenssituation wichtig bleibt, ohne ihm einen Sinn vorzugeben.
Biografiearbeit Frühere Lebensgeschichte, Beziehungen, Erfahrungen und Werte können für die gegenwärtige Situation bedeutsam sein. Erfragen, was dem Patienten bisher Halt gegeben hat und welche Ressourcen daraus heute noch zugänglich sind.

Diese Ansätze ergänzen sich. Sie sind keine konkurrierenden Erklärungen, sondern unterschiedliche Blickwinkel auf denselben Menschen.

3.1 Carl Rogers: Erst verstehen, dann helfen

Der personenzentrierte Ansatz nach Carl Rogers passt besonders gut zu deiner Situation.

Drei Grundhaltungen sind dabei zentral:

Empathie: Du versuchst, die Situation aus der Perspektive des Patienten zu verstehen.

Wertschätzung: Du begegnest ihm als Mensch mit eigener Würde und eigenen Vorstellungen, unabhängig von seiner körperlichen Leistungsfähigkeit.

Kongruenz: Du bist authentisch und begegnest ihm ehrlich, statt eine Rolle zu spielen oder ihm etwas vorzumachen.

Übertragen auf deinen Patienten bedeutet das: Du musst seinen Sterbewunsch nicht gutheißen, um ihn ernst zu nehmen.

Du darfst gleichzeitig Hoffnung haben und anerkennen, dass er selbst im Augenblick möglicherweise keine Hoffnung empfindet.

Das ist gerade in der Pflege wichtig, weil wir häufig sehr schnell nach Lösungen suchen. Rogers würde uns daran erinnern, dass eine tragfähige Beziehung nicht dadurch entsteht, dass wir möglichst schnell die richtige Antwort liefern.

3.2 Lazarus und Folkman: Wie bewertet der Patient seine Situation?

Das transaktionale Stressmodell von Richard Lazarus und Susan Folkman unterscheidet vereinfacht zwischen der Bewertung einer Situation und der Einschätzung der eigenen Bewältigungsmöglichkeiten.

Der Patient könnte seine Lage beispielsweise so bewerten:

  • Primäre Bewertung: „Ich habe etwas Entscheidendes verloren. Mein zukünftiges Leben ist bedroht.“
  • Sekundäre Bewertung: „Ich kann nichts tun. Ich bin vollkommen abhängig und habe keine Möglichkeiten, etwas zu verändern.“

Wenn beide Bewertungen stark negativ ausfallen, kann die Belastung besonders groß werden.

Deine Aufgabe besteht nicht darin, ihm seine Bewertung auszureden. Vielmehr kannst du gemeinsam mit ihm prüfen, welche Aspekte tatsächlich feststehen, welche noch ungewiss sind und welche Handlungsmöglichkeiten bestehen.

Zum Beispiel:

„Was wissen Sie bereits über Ihre Prognose? Was ist noch offen? Und was könnten wir heute tun, damit es Ihnen etwas besser geht?“

Damit unterstützt du sowohl die realistische Einschätzung der Situation als auch die Suche nach Bewältigungsmöglichkeiten.

3.3 Bandura: Selbstwirksamkeit statt bloßer Ermutigung

Albert Bandura beschreibt mit dem Konzept der Selbstwirksamkeit die Überzeugung eines Menschen, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können.

Bei deinem Patienten könnte die Selbstwirksamkeit durch die Lähmung stark beeinträchtigt sein.

Er erlebt möglicherweise, dass sein Körper nicht mehr so funktioniert wie zuvor. Andere übernehmen Tätigkeiten, die er sein Leben lang selbst erledigt hat.

Du könntest ihm helfen, wieder kleine Erfolgserlebnisse zu sammeln.

Beispielsweise:

  • Er beteiligt sich an der Körperpflege.
  • Er entscheidet selbst, wann er sich ausruhen möchte.
  • Er übt eine Bewegung, die innerhalb seiner Möglichkeiten liegt.
  • Er stellt Fragen bei der Visite und beteiligt sich an Entscheidungen.
  • Er erlebt, dass seine Wünsche bei der Pflege berücksichtigt werden.

Dabei ist entscheidend, dass die Ziele zu seinen tatsächlichen Fähigkeiten passen.

Es geht nicht darum, ihn mit Durchhalteparolen zu motivieren. Es geht darum, ihm konkrete Erfahrungen zu ermöglichen, bei denen er merkt: Ich kann noch etwas bewirken.

3.4 Viktor Frankl: Sinn finden, ohne Leid schönzureden

Die existenzielle Perspektive nach Viktor Frankl könnte für diese Situation besonders interessant sein.

Frankls Ansatz beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, wie Menschen angesichts von Leid und veränderten Lebensbedingungen mit Sinn umgehen.

Für die Pflege ist dabei eine wichtige Unterscheidung hilfreich: Einem Menschen Sinnmöglichkeiten aufzuzeigen ist etwas anderes, als ihm vorzuschreiben, worin er einen Sinn sehen soll.

Vielleicht entdeckt der Patient später neue Möglichkeiten, Beziehungen zu gestalten oder am Leben teilzunehmen. Vielleicht bleibt ihm zunächst vor allem die Hoffnung auf körperliche Besserung.

Beides darf sein.

Und möglicherweise kann er im Augenblick überhaupt keinen Sinn in seiner Situation erkennen.

Dann wäre es nicht deine Aufgabe, ihn davon zu überzeugen, dass alles einen tieferen Sinn haben müsse. Du kannst ihn vielmehr dabei unterstützen, seine eigenen Werte, Wünsche und Möglichkeiten zu erkunden.


4. Die Theorie allein reicht nicht: Was muss pflegerisch konkret passieren?

Hier würde ich einen Punkt besonders hervorheben, Don: Ein geäußerter Sterbewunsch ist nicht nur eine Gelegenheit für ein gutes Gespräch, sondern auch ein Anlass, mögliche Gefährdungen und behandelbare Belastungen abzuklären.

Der Wunsch, friedlich einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen, kann ein passiver Todeswunsch sein. Er beweist aber weder eine Suizidabsicht noch schließt er sie aus.

Deshalb würde ich folgende Schritte unterscheiden.

4.1 Den Sterbewunsch ernst nehmen und weiterfragen

Du musst keine psychiatrische Diagnostik durchführen. Du solltest aber nicht bei einer allgemeinen Beruhigung stehen bleiben.

Wenn die Situation es zulässt, kannst du ruhig und direkt fragen:

  • „Wenn Sie sagen, dass Sie gerne einschlafen und nicht mehr aufwachen möchten: Wünschen Sie sich, dass Ihr Leiden aufhört, oder denken Sie daran, selbst etwas zu tun, um Ihr Leben zu beenden?“
  • „Haben Sie konkrete Gedanken dazu, wie Sie das tun würden?“
  • „Haben Sie bereits etwas vorbereitet?“

Die Fragen müssen nicht wie ein Verhör hintereinander gestellt werden. Sie sollen klären helfen, was der Patient meint und ob eine akute Gefährdung besteht.

Bei konkreter Suizidabsicht, einem Plan, Vorbereitungen oder einem erkennbar hohen Handlungsdruck müssen unverzüglich die zuständigen Fachpersonen eingeschaltet und die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden. Bei akuter Gefahr darf der Patient nicht allein gelassen werden. Leitlinien.de

4.2 Körperliche und psychische Belastungen überprüfen lassen

Gerade nach einer Operation können verschiedene Faktoren eine Rolle spielen:

  • unzureichend behandelte Schmerzen
  • Schlafmangel
  • Angst vor dauerhafter Behinderung
  • Verlust von Selbstständigkeit und Privatsphäre
  • depressive Symptome
  • Delir oder andere akute Veränderungen des psychischen Zustands
  • belastende Nebenwirkungen von Medikamenten

Nicht jeder dieser Faktoren wird vorliegen. Sie sollten aber im klinischen Zusammenhang berücksichtigt werden.

Wenn ein Patient beispielsweise aufgrund starker Schmerzen kaum schlafen kann und sich dadurch zunehmend hoffnungslos fühlt, reicht ein motivierendes Gespräch allein nicht aus. Dann muss auch die Schmerz- und Symptomkontrolle überprüft werden.

4.3 Die interprofessionelle Zusammenarbeit nutzen

Je nach Situation können der ärztliche Dienst, Psychologie, Psychiatrie, Sozialdienst, Seelsorge oder ein Palliativdienst unterstützen.

Auch Angehörige können wichtige Ressourcen sein, sofern der Patient das möchte und die Einbeziehung angemessen ist.

Du kannst dabei eine wichtige Rolle übernehmen: Du bist möglicherweise einer der Menschen, mit denen der Patient im Alltag am häufigsten spricht. Dadurch kannst du Veränderungen seiner Stimmung, seiner Ängste und seiner Bewältigungsmöglichkeiten wahrnehmen und an das Team weitergeben.

Der Sterbewunsch sollte sachlich dokumentiert und in der Übergabe angesprochen werden. Dabei ist es wichtig, die tatsächliche Aussage des Patienten von deiner Interpretation zu unterscheiden.


5. Was ich an deiner ursprünglichen Reaktion besonders wichtig finde

Du hast versucht, dem Patienten eine Perspektive zu vermitteln, die über seine aktuelle Situation hinausgeht.

Das ist grundsätzlich sinnvoll. Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen zwei Botschaften:

Botschaft A: „Sie müssen keine Angst haben. Das wird wahrscheinlich wieder besser.“

Botschaft B: „Ich verstehe, dass Sie Angst vor Ihrer Zukunft haben. Wir wissen noch nicht genau, wie sie aussehen wird. Aber Sie müssen diese Unsicherheit nicht allein bewältigen.“

Die erste Botschaft versucht, die Angst durch eine positive Prognose zu reduzieren.

Die zweite erkennt die Angst an und vermittelt gleichzeitig Unterstützung.

Ich würde die zweite bevorzugen, weil sie Hoffnung anbietet, ohne etwas zu versprechen, das du nicht sicher wissen kannst.

Es ist auch möglich, beide Ansätze zu verbinden: Wenn die behandelnden Ärzte eine realistische Chance auf Besserung sehen, darfst du diese Hoffnung durchaus ansprechen. Sie sollte aber nicht die einzige Grundlage des Gesprächs sein.

Der Patient muss nicht erst Hoffnung entwickeln, damit du ihn gut begleiten kannst. Du kannst ihn auch dann gut begleiten, wenn er momentan keine Hoffnung hat.

Das ist für mich einer der wichtigsten Gedanken, die du aus dieser Situation mitnehmen kannst.


6. Wenn du die Situation für deine Pflegeausbildung reflektieren möchtest

Für eine schriftliche Reflexion oder ein Fachgespräch könntest du die Situation folgendermaßen strukturieren:

Bereich Reflexionsfrage
Wahrnehmung Welche Äußerungen und Verhaltensweisen des Patienten haben mich auf seine psychische Belastung aufmerksam gemacht?
Eigene Reaktion Warum wollte ich ihn beruhigen und ihm Hoffnung vermitteln?
Salutogenese Wie kann ich Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit fördern?
Kommunikation Habe ich dem Patienten ausreichend Raum gegeben, seine Ängste und Vorstellungen auszudrücken?
Ressourcen Welche persönlichen, sozialen und professionellen Ressourcen stehen ihm zur Verfügung?
Sicherheit Habe ich geklärt, was er mit seinem Sterbewunsch meint, und mögliche Gefährdungen angemessen weitergegeben?
Interprofessionelle Zusammenarbeit Welche weiteren Berufsgruppen könnten ihn unterstützen?
Evaluation Woran könnte ich erkennen, ob sich seine Belastung verändert hat und ob weitere Unterstützung erforderlich ist?

Für eine solche Reflexion wäre mir besonders wichtig, dass du dich nicht dafür kritisierst, dass du spontan versucht hast, Hoffnung zu vermitteln. Das ist eine menschliche und nachvollziehbare Reaktion.

Die professionelle Weiterentwicklung besteht vielmehr darin, künftig zusätzlich innezuhalten, nachzufragen und die Bedeutung seiner Aussage genauer zu verstehen.

Du musst nicht auf jede Äußerung über den Tod sofort eine perfekte Antwort haben.


7. Meine Empfehlung: Diese drei Ansätze würde ich mir besonders merken

Wenn du die Situation für den Unterricht oder die praktische Prüfung aufarbeiten möchtest, würde ich mich auf drei Schwerpunkte konzentrieren:

1. Antonovsky – Salutogenese

Wie kann ich dem Patienten helfen, seine Situation besser zu verstehen, sie handhabbarer zu machen und persönliche Sinn- und Lebensperspektiven zu entdecken?

2. Rogers – Personenzentrierte Gesprächsführung

Wie kann ich durch Empathie, Wertschätzung und Echtheit eine Beziehung schaffen, in der der Patient seine Ängste und Sterbewünsche offen äußern kann?

3. Lazarus und Folkman – Stress und Coping

Wie bewertet der Patient seine Situation? Welche Belastungen erlebt er als besonders bedrohlich? Welche Bewältigungsmöglichkeiten und Ressourcen können ihm helfen?

Diese drei Perspektiven ergänzen sich gut: Antonovsky lenkt den Blick auf Ressourcen und Kohärenz, Rogers auf die Beziehung und Kommunikation, Lazarus und Folkman auf die individuelle Bewertung der Belastung und die Bewältigungsmöglichkeiten.

Die Sicherheitsabklärung bei einem geäußerten Sterbewunsch läuft dabei unabhängig von diesen Theorien mit.

Zum Abschluss noch eine Frage, die für die weitere Einordnung deiner konkreten Situation hilfreich wäre:

Hat der Patient eher so etwas gesagt wie „Wenn ich jetzt einfach einschlafen und nicht mehr aufwachen würde, wäre das in Ordnung“, oder hat er ausdrücklich geäußert, dass er nicht mehr leben möchte, weil er sich ein Leben mit der Lähmung nicht vorstellen kann?

Die Unterscheidung ist wichtig, weil sie beeinflusst, welche Fragen und Unterstützungsmaßnahmen als Nächstes sinnvoll sind.