Schizophrenie
Die vier Hauptsymptomgruppen
Schizophrenie ist keine "gespaltene Persönlichkeit" (das ist einer der häufigsten Irrtümer), sondern eine schwere psychische Erkrankung, bei der Wahrnehmung, Denken, Gefühle und Verhalten erheblich verändert sein können.
Die Erkrankung beginnt meist zwischen dem 15. und 35. Lebensjahr, kann aber auch später auftreten.
Man unterscheidet häufig zwischen Positivsymptomen, Negativsymptomen, kognitiven Symptomen und affektiven Symptomen.
1. Positivsymptome (es kommt etwas hinzu)
Nicht "positiv" im Sinne von gut.
Wahn
Der Betroffene ist von etwas überzeugt, obwohl es objektiv nicht stimmt.
Beispiele:
-
Verfolgungswahn
"Die Nachbarn überwachen mich."
-
Beziehungswahn
"Die Nachrichtensprecher reden über mich."
-
Größenwahn
"Ich bin der neue Messias."
-
Vergiftungswahn
"Mein Essen wurde manipuliert."
Der Betroffene lässt sich meist nicht durch logische Argumente überzeugen.
Halluzinationen
Am häufigsten:
👂 akustische Halluzinationen
Beispiele:
- Stimmen kommentieren alles.
- Zwei Stimmen unterhalten sich über den Patienten.
- Stimmen geben Befehle.
Seltener:
- optische Halluzinationen
- Geruchshalluzinationen
- Geschmackshalluzinationen
- Tast-Halluzinationen
Denkstörungen
Das Denken wirkt ungeordnet.
Zum Beispiel:
- Gedanken springen ständig.
- Antworten passen nicht zur Frage.
- Sätze brechen plötzlich ab.
- Es werden neue Fantasiewörter erfunden.
Gespräch:
"Wie geht es Ihnen?"
Antwort:
"Ganz gut... der Mond ist heute blau... Blumen sprechen... Zug fährt rückwärts..."
Ich-Störungen
Sehr typisch.
Patienten berichten beispielsweise:
- "Jemand liest meine Gedanken."
- "Meine Gedanken werden gestohlen."
- "Jemand legt mir Gedanken in den Kopf."
- "Mein Körper wird ferngesteuert."
2. Negativsymptome (es geht etwas verloren)
Diese Symptome fallen im Alltag oft stärker ins Gewicht.
Affektverflachung
Kaum sichtbare Gefühle.
Gesicht wirkt ausdruckslos.
Monotone Sprache.
Antriebslosigkeit
Der Patient:
- bleibt im Bett
- duscht nicht
- isst wenig
- unternimmt nichts
Sprachverarmung
Kurze Antworten.
Kaum Gespräche.
Sozialer Rückzug
Kontakte werden vermieden.
Freunde gehen verloren.
3. Kognitive Symptome
Viele Patienten haben Schwierigkeiten mit:
- Konzentration
- Aufmerksamkeit
- Arbeitsgedächtnis
- Planung
- Problemlösen
Das erklärt häufig, warum Alltag und Beruf schwerfallen.
4. Affektive Symptome
Oft zusätzlich:
- Depression
- Angst
- innere Unruhe
Typischer Verlauf
Nicht jeder Patient erlebt alle Symptome.
Oft beginnt es schleichend.
Frühe Warnzeichen
- sozialer Rückzug
- Leistungsabfall
- Schlafstörungen
- Misstrauen
- Konzentrationsprobleme
- Vernachlässigung der Körperpflege
Dann folgt eventuell eine akute psychotische Phase.
Mit Behandlung können viele Symptome deutlich zurückgehen.
Ursachen (vereinfacht)
Es gibt nicht die eine Ursache.
Man geht von mehreren Faktoren aus:
🧬 Genetik
- Veranlagung
🧠 Veränderungen von Botenstoffen
Vor allem:
- Dopamin
- Glutamat
🧩 Entwicklungsfaktoren
- frühe Hirnentwicklung
- Schwangerschaftskomplikationen
🌧️ Stress
Starker Stress kann eine Psychose auslösen oder verschlimmern.
💊 Drogen
Besonders Cannabis (vor allem hochpotente Sorten), Amphetamine oder Kokain können bei gefährdeten Menschen Psychosen auslösen.
Behandlung
Medikamente
Die wichtigste Gruppe sind Antipsychotika.
Sie wirken vor allem gegen:
- Halluzinationen
- Wahn
- Denkstörungen
Beispiele:
- Risperidon
- Olanzapin
- Quetiapin
- Aripiprazol
- Clozapin (bei therapieresistenten Verläufen)
Weitere Therapie
- Psychoedukation
- Psychotherapie
- Ergotherapie
- Soziotherapie
- Angehörigenarbeit
- Rückfallprophylaxe
Was ist für Pflegekräfte besonders wichtig?
In der Psychiatrie ist die Beziehungsgestaltung zentral.
Hilfreich:
- Ruhig und klar sprechen.
- Kurze, eindeutige Sätze verwenden.
- Struktur und Verlässlichkeit bieten.
- Gefühle ernst nehmen.
- Sicherheit vermitteln.
Nicht hilfreich:
- Mit dem Wahn diskutieren ("Das stimmt doch gar nicht!").
- Halluzinationen bestätigen ("Ja, ich höre die Stimmen auch.").
- Den Patienten auslachen oder bloßstellen.
Ein guter Mittelweg ist beispielsweise:
"Ich kann die Stimmen nicht hören, aber ich sehe, dass sie Sie sehr belasten."
So nimmst du das Erleben ernst, ohne den Wahn oder die Halluzination zu bestätigen.
Merkhilfe für die Prüfung
POSITIVE Symptome = etwas kommt hinzu
- ➕ Wahn
- ➕ Halluzinationen
- ➕ Denkstörungen
- ➕ Ich-Störungen
NEGATIVE Symptome = etwas geht verloren
- ➖ Antrieb
- ➖ Gefühle
- ➖ Sprache
- ➖ soziale Kontakte
- ➖ Motivation
💡 Ein Tipp für deine kommende Psychiatrie-Station: Viele Schüler erwarten dort spektakuläre Krankheitsbilder. Tatsächlich wirken viele Menschen mit Schizophrenie im Alltag zunächst völlig unauffällig – besonders wenn sie gut eingestellt sind. Die eigentliche Herausforderung besteht oft darin, Veränderungen früh zu erkennen, Vertrauen aufzubauen und professionell zu begleiten. Genau darin liegt ein großer Teil der psychiatrischen Pflege.