Kinästhetik passt perfekt als nächstes Thema, weil man dann auch schön den Unterschied zu Bobath herausarbeiten kann: Beide wollen Bewegung und Selbstständigkeit fördern, betrachten Bewegung aber aus etwas unterschiedlichen Blickwinkeln. Transfer vom Bett auf den Stuhl-01 Patient im RS hochrutschen mehrere Beispiele Transfer vom Bett in den RS Transfer vom Bett in den RS - 02
1. Was ist Kinästhetik?
Kinästhetik – auch Kinaesthetics geschrieben – beschäftigt sich mit der Wahrnehmung und Gestaltung menschlicher Bewegung.
Der Begriff kommt aus dem Griechischen:
- kinein = bewegen
- aisthesis = Wahrnehmung, Empfindung
Kinästhetik bedeutet damit sinngemäß:
Wahrnehmung von Bewegung.
Im Pflegekontext geht es vor allem darum, wie sich Menschen bewegen und wie Pflegekräfte diese Bewegungen unterstützen können, ohne den Patienten unnötig zu heben, zu ziehen oder zu tragen.
Dabei geht es nicht nur darum, die Pflegekraft körperlich zu entlasten.
Ein mindestens genauso wichtiges Ziel ist:
Der Patient soll seine eigene Bewegung möglichst selbst nutzen können.
Das macht Kinästhetik zu einem interessanten Konzept für die aktivierende Pflege.
2. Die Grundidee
Stell dir vor, ein Patient liegt im Bett und soll sich auf die Seite drehen.
Eine Pflegekraft könnte einfach:
„Ich drehe Sie mal.“
Und den Patienten mit Armen und Rücken herumziehen.
Der Patient ist dabei weitgehend passiv.
Kinästhetisch würde man sich eher fragen:
Welche Bewegungen kann der Patient selbst durchführen und wie kann ich diese Bewegung unterstützen?
Zum Beispiel:
Der Patient bewegt zunächst den Kopf.
Dann den Oberkörper.
Das Gewicht verlagert sich.
Die Beine werden eingesetzt.
Die Pflegekraft unterstützt nur dort, wo es notwendig ist.
Der Patient bewegt sich also nicht gegen die Pflegekraft, sondern mit ihr.
Das ist ein entscheidender Gedanke.
3. Kinästhetik ist keine Hebetechnik
Das ist ein wichtiger Punkt.
Kinästhetik wird manchmal als eine Art:
„rückenschonende Hebetechnik“
verstanden.
Das ist zu kurz gegriffen.
Kinästhetik versucht gerade, das Heben möglichst zu vermeiden.
Denn:
Heben
Die Pflegekraft übernimmt einen großen Teil des Körpergewichts.
Bewegen
Der Patient beteiligt sich an der Bewegung und nutzt seine eigenen Ressourcen.
Das Ziel ist also eher:
Gewicht verlagern statt Gewicht heben.
Und genau hier wird es biomechanisch interessant.
4. Der Mensch ist kein Sack Kartoffeln
Ein Patient wiegt beispielsweise 80 kg.
Wenn die Pflegekraft versucht, diese 80 kg komplett anzuheben, muss sie enorme Kräfte aufbringen.
Aber ein menschlicher Körper besteht aus vielen beweglichen Körpersegmenten.
Man kann beispielsweise:
- den Kopf bewegen,
- den Oberkörper drehen,
- das Becken bewegen,
- die Beine einsetzen,
- die Füße aufstellen,
- das Gewicht verlagern.
Dadurch muss nicht der gesamte Körper auf einmal bewegt werden.
Das Prinzip könnte man vereinfacht so formulieren:
Nicht den ganzen Menschen bewegen – Bewegung im Menschen ermöglichen.
5. Die sechs zentralen Konzepte der Kinästhetik
In der Kinästhetik werden sechs grundlegende Konzepte beschrieben:
- Interaktion
- Funktionale Anatomie
- Menschliche Bewegung
- Anstrengung
- Menschliche Funktion
- Umgebung
Diese Konzepte helfen dabei, Bewegungen systematisch zu beobachten und zu verstehen.
6. Konzept 1: Interaktion
Interaktion
Interaktion bedeutet zunächst:
Wie beeinflussen sich zwei Menschen während einer Bewegung gegenseitig?
Das ist in der Pflege besonders wichtig.
Eine Pflegekraft bewegt nicht einfach einen Patienten.
Es passiert etwas zwischen zwei Menschen.
Beispiel:
Die Pflegekraft möchte einen Patienten aufsetzen.
Sie könnte den Patienten kräftig nach oben ziehen.
Oder sie könnte eine Bewegung initiieren und dem Patienten ermöglichen, selbst mitzubewegen.
Dann entsteht eine Art:
Pflegekraft ↔ Patient
Die Bewegung wird gemeinsam organisiert.
7. Kommunikation durch Bewegung
Bei Kinästhetik ist Bewegung gleichzeitig eine Form der Kommunikation.
Wenn die Pflegekraft beispielsweise sehr schnell und kräftig zieht, bekommt der Patient die Information:
„Du wirst bewegt.“
Wenn die Pflegekraft dagegen langsam Kontakt aufnimmt und eine Bewegungsrichtung anbietet, kann der Patient eher wahrnehmen:
„Ich soll mich in diese Richtung bewegen.“
Das ist besonders wichtig bei Patienten mit:
- neurologischen Erkrankungen
- Demenz
- eingeschränkter Wahrnehmung
- Angst
- Schmerzen
- eingeschränkter Kommunikation
Bewegung kann also auch dann Kommunikation ermöglichen, wenn Sprache eingeschränkt ist.
8. Konzept 2: Funktionale Anatomie
Hier geht es darum, wie der menschliche Körper aufgebaut ist und wie seine Strukturen Bewegung ermöglichen.
Dabei interessiert nicht nur:
„Wo ist welcher Muskel?“
Sondern vor allem:
Wie arbeiten Körperteile zusammen, damit eine Bewegung möglich wird?
Ein Beispiel:
Zum Aufstehen brauchen wir nicht einfach „starke Beine“.
Wir benötigen unter anderem:
- Fußkontakt
- Kniebewegung
- Beckenbewegung
- Rumpfbewegung
- Gewichtsverlagerung
- Gleichgewicht
- Koordination
Eine Bewegung entsteht also durch das Zusammenspiel verschiedener Körperbereiche.
9. Knochen als Bewegungssystem
Eine interessante Vorstellung der Kinästhetik:
Knochen können als tragende Strukturen betrachtet werden.
Muskeln erzeugen Kräfte.
Gelenke ermöglichen Bewegungen.
Das Nervensystem koordiniert diese Vorgänge.
Dadurch entsteht eine Bewegung.
Für die Pflege bedeutet das:
Wenn man die Körperstruktur geschickt positioniert, kann der Patient häufig Bewegungen leichter durchführen.
Beispielsweise kann ein Patient beim Aufstehen seine Beine wesentlich besser einsetzen, wenn seine Füße sinnvoll positioniert sind.
10. Konzept 3: Menschliche Bewegung
Jetzt kommen wir zum eigentlichen Kern.
Kinästhetik betrachtet Bewegung nicht einfach als:
„Arm geht hoch.“
Sondern als komplexen Vorgang.
Ein Mensch bewegt sich normalerweise nicht wie ein Roboter.
Er verlagert ständig Gewicht.
Er dreht sich.
Er nutzt verschiedene Körperteile.
Er passt seine Bewegung an die Umgebung an.
Beispielsweise beim Aufstehen:
Sitzen
↓
Oberkörper bewegt sich nach vorne
↓
Gewicht verlagert sich auf die Füße
↓
Beine übernehmen Belastung
↓
Becken bewegt sich nach vorne/oben
↓
Körper richtet sich auf
↓
Stehen
Das ist ein dynamischer Prozess.
11. Masse und Gewicht
Ein wichtiger Gedanke ist die Unterscheidung zwischen:
Masse
Wie viel Materie ein Körper besitzt.
Gewicht
Die durch die Gravitation wirkende Kraft auf diese Masse.
Im Pflegealltag wird meistens einfach von „Gewicht“ gesprochen.
Für Bewegung ist aber entscheidend:
Wo befindet sich dieses Gewicht gerade?
Wenn ein Patient im Bett liegt, verteilt sich das Körpergewicht auf eine große Auflagefläche.
Wenn er sitzt, verändert sich die Gewichtsverteilung.
Wenn er steht, befindet sich das Gewicht hauptsächlich über den Füßen.
Diese Veränderungen kann man für Bewegungen nutzen.
12. Gewichtsverlagerung statt Heben
Das ist einer der praktischsten Gedanken der Kinästhetik.
Nehmen wir einen Patienten, der im Bett nach oben rutschen soll.
Klassische Vorstellung
Pflegekraft zieht den Patienten nach oben.
Dabei wird ein großer Teil des Körpergewichts bewegt.
Kinästhetische Überlegung
Man versucht, den Patienten so zu positionieren, dass er durch eigene Bewegung und Gewichtsverlagerung mitarbeiten kann.
Beispielsweise können:
- Beine aufgestellt werden,
- Füße Kontakt zur Matratze bekommen,
- Becken bewegt werden,
- der Patient sich abdrücken,
- die Pflegekraft unterstützt die Bewegung.
Dadurch wird die Bewegung verteilt.
13. Konzept 4: Anstrengung
Jede Bewegung kostet Energie.
Kinästhetik fragt:
Wie viel Kraft muss der Mensch für eine Bewegung aufbringen?
Und:
Wie kann die Bewegung leichter werden?
Das ist für beide Seiten interessant.
Für den Patienten
Weniger unnötige Anstrengung.
Für die Pflegekraft
Weniger körperliche Belastung.
Beispiel:
Ein Patient soll sich im Bett drehen.
Wenn der gesamte Körper gleichzeitig bewegt werden soll, ist das anstrengend.
Wenn dagegen einzelne Körperbereiche nacheinander beteiligt werden, kann die Bewegung leichter werden.
14. Kraft sparen durch gute Positionierung
Ein einfaches Beispiel:
Ein Patient soll vom Sitzen zum Stehen kommen.
Wenn die Füße weit nach vorne stehen, ist das Aufstehen schwierig.
Wenn die Füße geeignet positioniert sind und der Patient den Oberkörper nach vorne verlagert, kann die Bewegung leichter werden.
Die Pflegekraft muss dann weniger Kraft einsetzen.
Man könnte sagen:
Gute Bewegung ersetzt einen Teil der benötigten Muskelkraft.
15. Konzept 5: Menschliche Funktion
Hier geht es um die Frage:
Was möchte oder muss der Mensch mit seinem Körper tun?
Zum Beispiel:
- aufstehen
- sitzen
- gehen
- essen
- sich waschen
- zur Toilette gehen
- sich ankleiden
- aus dem Bett steigen
Kinästhetik betrachtet Bewegung also nicht isoliert.
Eine Bewegung hat einen Zweck.
Der Patient bewegt sich nicht einfach deshalb, weil Bewegung schön ist.
Er bewegt sich, weil er etwas tun möchte.
16. Funktion statt Muskeltraining
Das passt hervorragend zur aktivierenden Pflege.
Beispiel:
Patient kann seinen Arm eingeschränkt bewegen.
Man könnte nun einfach sagen:
„Wir trainieren jetzt den Arm.“
Oder man integriert die Bewegung in eine Handlung:
„Nehmen Sie bitte den Waschlappen.“
Der Patient bewegt den Arm, weil er eine konkrete Aufgabe erledigt.
Dadurch bekommt die Bewegung einen Sinn.
17. Konzept 6: Umgebung
Bewegung findet niemals im luftleeren Raum statt.
Ein Patient bewegt sich immer:
Mensch ↔ Umgebung
Beispielsweise:
- Bett
- Rollstuhl
- Stuhl
- Boden
- Haltegriff
- Waschbecken
- Tisch
- Toilette
Die Umgebung kann Bewegung:
erleichtern
oder
erschweren.
18. Beispiel Bett
Ein sehr tiefes Bett kann das Aufstehen erschweren.
Ein passend eingestelltes Bett kann das Aufstehen erleichtern.
Auch:
- Bettposition
- Matratze
- Kleidung
- Schuhe
- Rollstuhlposition
- Bremsen
- Armlehnen
beeinflussen Bewegung.
Damit wird klar:
Nicht nur der Patient muss sich verändern. Manchmal muss sich die Umgebung verändern.
19. Kinästhetik bei der Mobilisation
Jetzt kommen wir zum klassischen Pflegealltag.
Vom Liegen zum Sitzen
Statt den Patienten einfach hochzuziehen, kann man die Bewegung schrittweise gestalten.
Beispielsweise:
- Patient nimmt seine Position wahr.
- Beine werden entsprechend vorbereitet.
- Patient bewegt Kopf und Oberkörper.
- Gewicht wird verlagert.
- Beine und Becken werden eingesetzt.
- Patient gelangt in den Sitz.
- Gleichgewicht wird gefunden.
Die Pflegekraft unterstützt dabei gezielt.
20. Vom Sitzen zum Stehen
Eine typische Bewegung:
Sitzen
↓
Füße aufstellen
↓
Oberkörper nach vorne
↓
Gewicht auf die Füße
↓
Beine übernehmen Belastung
↓
Becken hebt sich
↓
Körper richtet sich auf
↓
Stehen
Die Pflegekraft sollte möglichst nicht einfach unter die Achseln greifen und den Patienten hochziehen.
Das ist sowohl biomechanisch ungünstig als auch für die Eigenaktivität des Patienten wenig hilfreich.
21. Transfer Bett → Rollstuhl
Kinästhetisch wird nicht nur gefragt:
„Wie bekomme ich den Patienten in den Rollstuhl?“
Sondern:
„Wie kann der Patient an diesem Transfer beteiligt werden?“
Dabei werden beispielsweise berücksichtigt:
- Position des Rollstuhls
- Bremsen
- Fußposition
- Sitzposition
- Bewegungsrichtung
- Schwerpunkt
- Gleichgewicht
- Fähigkeiten des Patienten
Der Transfer wird dadurch zu einer gemeinsamen Bewegung.
22. Mobilisation eines neurologischen Patienten
Bei einem Patienten nach Schlaganfall kann Kinästhetik besonders interessant sein.
Beispiel:
Patient hat eine Hemiparese rechts.
Die Pflegekraft könnte bei einem Transfer versuchen, den Patienten nicht einfach auf die gesunde Seite zu ziehen.
Stattdessen wird geschaut:
- Was kann der Patient selbst?
- Welche Körperteile kann er einsetzen?
- Wie kann er sein Gewicht verlagern?
- Wie kann die Umgebung gestaltet werden?
- Wie kann die betroffene Seite berücksichtigt werden?
Hier gibt es eine deutliche Überschneidung mit Bobath.
23. Kinästhetik und Bobath – was ist der Unterschied?
Das ist für deine Ausbildung besonders interessant.
Beide Konzepte:
- fördern Selbstständigkeit,
- beziehen den Patienten aktiv ein,
- nutzen vorhandene Fähigkeiten,
- vermeiden unnötige passive Bewegungen,
- beschäftigen sich mit Bewegung,
- können in den Pflegealltag integriert werden.
Aber der Schwerpunkt ist etwas unterschiedlich.
Bobath
stärker:
Neurologie + Bewegungsorganisation + Wahrnehmung + Haltung + motorisches Lernen
Kinästhetik
stärker:
Bewegungswahrnehmung + Bewegungsgestaltung + Gewichtsverlagerung + Interaktion + körperliche Belastung
Vereinfacht:
Bobath fragt stärker: „Wie kann ich neurologisch sinnvolle Bewegung fördern?“
Kinästhetik fragt stärker: „Wie können Patient und Pflegekraft diese Bewegung gemeinsam möglichst geschickt gestalten?“
Das ist natürlich eine Vereinfachung – beide Konzepte sind komplexer.
24. Ein praktischer Vergleich
Patient soll aus dem Bett aufstehen.
Bobath-orientierte Betrachtung
- Körperausrichtung
- Tonus
- betroffene Seite
- Wahrnehmung
- Gewichtsverteilung
- Bewegungsqualität
- neurologische Einschränkungen
- aktive Beteiligung
Kinästhetische Betrachtung
- Wo liegt der Schwerpunkt?
- Wie kann der Patient Gewicht verlagern?
- Welche Körperteile können eingesetzt werden?
- Wie kann die Pflegekraft unterstützen?
- Wie kann die Umgebung angepasst werden?
- Wie kann unnötiges Heben vermieden werden?
In der Praxis können beide Perspektiven sehr gut kombiniert werden.
25. Kinästhetik und rückenschonendes Arbeiten
Für Pflegekräfte ist dieser Punkt enorm wichtig.
Pflege ist körperlich belastend.
Besonders problematisch sind:
- Heben
- Ziehen
- Schieben
- ungünstige Körperhaltung
- Arbeiten mit verdrehtem Oberkörper
- Arbeiten weit vom eigenen Körperschwerpunkt entfernt
Kinästhetik versucht, diese Belastungen zu reduzieren.
Ein wichtiges Prinzip:
Der Patient wird nicht einfach von der Pflegekraft bewegt. Die Pflegekraft nutzt die Bewegung des Patienten.
26. Warum „ziehen“ problematisch sein kann
Nehmen wir einen Patienten mit 90 kg.
Wenn die Pflegekraft ihn an den Armen nach oben zieht, muss sie erhebliche Kräfte aufbringen.
Außerdem kann der Patient kaum kontrollieren, was passiert.
Bei einer aktiven Bewegung verteilt sich die Kraft dagegen auf mehrere Strukturen.
Der Patient kann beispielsweise:
- die Füße einsetzen,
- die Beine beugen,
- den Oberkörper verlagern,
- sich abstützen.
Die Pflegekraft gibt nur die notwendige Unterstützung.
27. Das Prinzip der kleinen Bewegungen
Menschen können Bewegungen in viele kleine Teilbewegungen zerlegen.
Beispiel:
Ein Patient liegt auf dem Rücken und soll sich zur Seite drehen.
Nicht:
ganzer Körper → gleichzeitig drehen
sondern beispielsweise:
Kopf → Schulter → Rumpf → Becken → Beine
Natürlich läuft das im echten Leben nicht wie eine mathematische Gleichung ab.
Aber die Vorstellung hilft:
Große Bewegungen können durch kleinere Bewegungen vorbereitet werden.
Das kann Bewegung leichter und kontrollierbarer machen.
28. Der Patient als Experte seines Körpers
Eine interessante Besonderheit:
Die Pflegekraft kennt zwar Anatomie und Bewegung.
Aber:
Der Patient kennt seinen eigenen Körper.
Er weiß beispielsweise:
- wo es weh tut,
- welche Bewegung Angst macht,
- welche Position angenehm ist,
- welche Bewegung funktioniert,
- wo er sich sicher fühlt.
Deshalb sollte Kinästhetik nicht einfach „am Patienten durchgeführt“ werden.
Der Patient sollte möglichst beteiligt werden.
29. Berührung und Kontakt
Kinästhetik arbeitet auch mit körperlichem Kontakt.
Dabei ist wichtig:
Berührung soll Bewegung unterstützen, nicht ersetzen.
Eine Hand der Pflegekraft kann beispielsweise eine Bewegung begleiten oder eine Richtung vermitteln.
Sie sollte nicht automatisch die gesamte Bewegung übernehmen.
Das kann man sich vorstellen wie beim Fahrradfahren:
Die Pflegekraft hält nicht das gesamte Fahrrad hoch.
Sie gibt Stabilität, während der Patient selbst fährt.
30. Kinästhetik bei Menschen mit Demenz
Auch hier können die Prinzipien interessant sein.
Menschen mit Demenz können teilweise Schwierigkeiten haben, komplexe verbale Anweisungen zu verstehen.
Eine lange Erklärung wie:
„Bitte drehen Sie sich jetzt zunächst auf die rechte Seite, stellen Sie anschließend Ihre Beine auf und versuchen Sie dann, Ihren Oberkörper ...“
kann schnell zur linguistischen Achterbahnfahrt werden. 😄
Eine ruhige, klare Kommunikation kombiniert mit Bewegung und Berührung kann manchmal besser funktionieren.
Wichtig sind:
- ausreichend Zeit
- einfache Impulse
- bekannte Bewegungsabläufe
- sichere Umgebung
- ruhige Kommunikation
- keine unnötige Hektik
31. Kinästhetik bei Schmerzen
Schmerz verändert Bewegung.
Menschen versuchen häufig, schmerzhafte Bewegungen zu vermeiden.
Dadurch entstehen Schonhaltungen.
Kinästhetisch kann man versuchen, Bewegungen so zu gestalten, dass:
- schmerzhafte Belastungen reduziert werden,
- der Patient seine Bewegung kontrollieren kann,
- unnötige Kräfte vermieden werden.
Aber:
Kinästhetik ersetzt keine Schmerzdiagnostik oder Schmerztherapie.
Wenn ein Patient plötzlich starke Schmerzen hat, muss zunächst die Ursache abgeklärt werden.
32. Kinästhetik bei Immobilität
Bei immobilen Patienten ist Bewegung besonders wichtig.
Lange Immobilität kann unter anderem begünstigen:
- Muskelabbau
- Kontrakturen
- Thrombosen
- Pneumonie
- Dekubitus
- Obstipation
- Kreislaufprobleme
Kinästhetik kann helfen, vorhandene Bewegungsmöglichkeiten auch bei stark eingeschränkten Patienten zu nutzen.
Dabei gilt:
Auch kleinste Eigenbewegungen sind relevant.
Ein Patient muss nicht laufen können, damit Bewegung gefördert werden kann.
33. Beispiel: Bettlägeriger Patient
Ein Patient kann nicht selbstständig aufstehen.
Trotzdem kann er möglicherweise:
- den Kopf drehen,
- einen Arm bewegen,
- ein Bein beugen,
- einen Fuß aufstellen,
- das Becken leicht bewegen,
- sich seitlich abstützen.
Diese Bewegungen können in Pflegehandlungen integriert werden.
Damit entsteht:
weniger vollständige Übernahme
und
mehr Eigenaktivität.
34. Kinästhetik und Dekubitusprophylaxe
Hier gibt es einen interessanten Zusammenhang.
Wenn ein Patient sich selbst bewegen kann, verändert er regelmäßig seine Druckverhältnisse.
Eigenbewegung kann deshalb grundsätzlich zur Mobilität und zur Druckentlastung beitragen.
Aber:
Kinästhetik ersetzt keine systematische Dekubitusprophylaxe.
Bei gefährdeten Patienten bleiben beispielsweise:
- Hautbeobachtung
- Druckentlastung
- individuelle Positionswechsel
- Hilfsmittel
- Mobilisation
- Ernährung und Flüssigkeitsversorgung
wichtige Bestandteile der Pflege.
35. Kinästhetik und Kontrakturen
Bewegungsmangel kann zu Bewegungseinschränkungen beitragen.
Wenn Gelenke regelmäßig und möglichst funktionell bewegt werden, können Bewegungsressourcen erhalten werden.
Kinästhetik versucht dabei nicht einfach:
„Wir bewegen jetzt alle Gelenke einmal durch.“
Sondern:
Bewegung wird möglichst in funktionelle Handlungen integriert.
Beispielsweise:
Anstatt den Arm ausschließlich passiv zu bewegen:
Waschen → Greifen → Abstützen → Anziehen
36. Kinästhetik und Sturzprophylaxe
Auch hier gilt:
Kinästhetik ist keine Sturzprophylaxe-Methode im engeren Sinn.
Aber sichere Bewegung kann dazu beitragen, dass Patienten:
- ihren Körper besser wahrnehmen,
- Bewegungen kontrollierter durchführen,
- Transfers sicherer durchführen,
- vorhandene Fähigkeiten nutzen.
Trotzdem müssen Sturzrisiken individuell beurteilt werden.
Ein Patient mit erheblicher Gleichgewichtsstörung darf nicht einfach „zum Lernen“ alleine aufstehen.
37. Ein wichtiger Unterschied: aktivierend ≠ überfordern
Aktivierende Pflege darf nicht zu:
„Dann mach halt alles alleine.“
werden.
Es gibt einen optimalen Bereich.
Zu wenig Unterstützung:
→ Patient überfordert
Zu viel Unterstützung:
→ Patient wird passiv
Optimal:
→ Patient macht so viel wie möglich und erhält so viel Unterstützung wie nötig.
Das ist ein gemeinsames Prinzip von Kinästhetik und Bobath.
38. Kinästhetik verändert die Rolle der Pflegekraft
Traditionelle Pflege kann manchmal sehr stark vom Gedanken geprägt sein:
„Ich muss etwas mit dem Patienten machen.“
Kinästhetik verändert diese Perspektive:
„Ich unterstütze den Patienten dabei, etwas selbst zu tun.“
Die Pflegekraft wird dadurch weniger zum „Kraftarbeiter“ und mehr zum:
- Beobachter
- Unterstützer
- Bewegungsbegleiter
- Gestalter der Umgebung
- Kommunikationspartner
39. Vorteil für Patienten
Mögliche Vorteile eines kinästhetisch orientierten Pflegeansatzes sind:
- Förderung der Selbstständigkeit
- Erhaltung vorhandener Bewegungsressourcen
- bessere Beteiligung an Pflegehandlungen
- Förderung der Körperwahrnehmung
- mehr Kontrolle über Bewegungen
- weniger passive Pflege
- Förderung von Aktivität
- stärkere Einbeziehung in Transfers und Mobilisation
Außerdem kann der Patient erleben:
„Ich kann noch etwas selbst.“
Und das ist psychologisch nicht gerade unwichtig.
40. Vorteil für Pflegekräfte
Für Pflegekräfte liegen mögliche Vorteile vor allem in:
- Reduktion körperlicher Belastung
- Vermeidung unnötigen Hebens
- ergonomischerem Arbeiten
- besserer Nutzung der Ressourcen des Patienten
- bewussterer Bewegungsplanung
- weniger „Kraft gegen Kraft“
- besserer Beobachtung der Patientenfähigkeiten
Gerade bei schweren Patienten kann das einen erheblichen Unterschied machen.
41. Vorteil für die Beziehung zwischen Pflegekraft und Patient
Auch hier steckt etwas Interessantes drin.
Wenn die Pflegekraft alles übernimmt:
Pflegekraft → handelt
Patient → wird behandelt
Bei einer gemeinsamen Bewegung:
Pflegekraft ↔ Patient
Der Patient wird stärker zum Partner.
Das kann die Kommunikation und das Gefühl von Selbstwirksamkeit fördern.
42. Selbstwirksamkeit
Selbstwirksamkeit
bedeutet vereinfacht:
Die Überzeugung eines Menschen, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können.
Ein Patient, der feststellt:
„Ich kann mich tatsächlich selbst auf die Bettkante setzen.“
erlebt etwas anderes als:
„Die Pflegekraft setzt mich hin.“
Das kann Motivation und Eigenständigkeit unterstützen.
43. Ein Beispiel aus dem Alltag
Patient nach längerer Immobilisation.
Er soll morgens zur Toilette.
Ohne aktivierenden Ansatz
Pflegekraft:
- hilft aus dem Bett
- zieht Kleidung an
- setzt Patienten in Rollstuhl
- schiebt zur Toilette
- übernimmt möglichst viel
Patient:
wenig Eigenaktivität
Kinästhetisch orientiert
Pflegekraft:
- bereitet Umgebung vor
- erklärt kurz
- unterstützt die Bewegung
- Patient beteiligt sich beim Aufsetzen
- Patient übernimmt möglichst viel beim Anziehen
- Patient setzt Füße auf
- Patient verlagert Gewicht
- Patient steht mit Unterstützung
- gemeinsamer Transfer
Die Pflegehandlung dauert möglicherweise etwas länger.
Aber:
Die Pflegehandlung selbst wird zur Aktivität.
44. Kinästhetik im 24-Stunden-Pflegealltag
Hier liegt eine große Gemeinsamkeit mit Bobath.
Ein Patient trainiert nicht nur während einer Therapieeinheit.
Bewegung findet statt:
beim Aufstehen
beim Waschen
beim Anziehen
beim Essen
beim Toilettengang
beim Umsetzen
beim Hinlegen
beim Aufstehen am Abend
Der gesamte Tagesablauf wird dadurch zur Möglichkeit, vorhandene Bewegungsressourcen einzusetzen.
45. Aber auch hier: Evidenz richtig einordnen
Kinästhetik wird in der Pflegepraxis häufig mit Verbesserungen bei:
- Patientenselbstständigkeit
- Bewegungsqualität
- Pflegequalität
- ergonomischem Arbeiten
- körperlicher Belastung
verbunden.
Die wissenschaftliche Evidenz ist allerdings nicht so stark, dass man behaupten könnte:
„Kinästhetik verhindert nachweislich Rückenschmerzen bei Pflegekräften.“
oder:
„Kinästhetik führt garantiert zu mehr Selbstständigkeit.“
Solche Aussagen wären zu pauschal.
Es gibt Hinweise auf positive Effekte, aber die Studienlage ist insgesamt heterogen und teilweise methodisch begrenzt.
Deshalb sollte man Kinästhetik am besten als praxisorientiertes Bewegungskonzept verstehen und nicht als medizinische Therapie mit garantiertem Effekt.
46. Die wichtigsten Merksätze
1.
Nicht heben, wenn man bewegen kann.
2.
Gewicht verlagern statt Gewicht tragen.
3.
Der Patient ist aktiver Partner.
4.
So viel Unterstützung wie nötig – so wenig wie möglich.
5.
Bewegung entsteht aus dem Zusammenspiel mehrerer Körperbereiche.
6.
Die Umgebung beeinflusst Bewegung.
7.
Pflegehandlungen können gleichzeitig Bewegungsaktivitäten sein.
8.
Die Pflegekraft begleitet Bewegung, statt sie vollständig zu übernehmen.
9.
Der Patient kennt seinen eigenen Körper.
10.
Nicht gegen den Patienten arbeiten – mit seiner Bewegung arbeiten.
47. Bobath und Kinästhetik gemeinsam gedacht
Jetzt wird es besonders spannend.
Man muss sich nicht entscheiden:
Bobath oder Kinästhetik.
In der Praxis können beide Denkweisen miteinander kombiniert werden.
Beispiel:
Ein Patient nach Schlaganfall mit Hemiparese soll vom Bett in den Rollstuhl.
Bobath-Perspektive
- betroffene Seite berücksichtigen
- Körperwahrnehmung fördern
- Tonus beachten
- Rumpfkontrolle fördern
- Gewichtsverlagerung unterstützen
- physiologische bzw. funktionelle Bewegung fördern
Kinästhetik-Perspektive
- Bewegung gemeinsam gestalten
- Patient aktiv beteiligen
- Gewicht verlagern
- Körpersegmente nutzen
- Umgebung optimieren
- Pflegekraft körperlich entlasten
Zusammen ergibt sich:
Der Patient bewegt sich möglichst selbstständig und sinnvoll – und die Pflegekraft unterstützt diese Bewegung möglichst geschickt und körperlich schonend.
48. Der große Unterschied zu „normalem Transfer“
Man kann einen Patienten von A nach B bringen.
Das ist das Ergebnis.
Aber die Frage ist:
Wie ist er dort hingekommen?
Möglichkeit 1
Pflegekraft übernimmt fast alles.
Möglichkeit 2
Patient beteiligt sich aktiv.
Beide Male sitzt der Patient anschließend im Rollstuhl.
Aber nur bei Möglichkeit 2 wurde die vorhandene Bewegungsfähigkeit des Patienten konsequent genutzt.
Das ist der Kern der Kinästhetik.
49. Kinästhetik als Haltung
Vielleicht kann man Kinästhetik am besten mit einer inneren Frage zusammenfassen:
„Was kann dieser Mensch selbst bewegen – und wie kann ich seine Bewegung unterstützen?“
Das verändert den Blick auf Pflege.
Der Patient ist nicht:
„der 80-kg-Patient, den ich umsetzen muss.“
Sondern:
„ein Mensch mit bestimmten Bewegungsmöglichkeiten, dessen Gewicht und Bewegung ich gemeinsam mit ihm organisieren kann.“
Und plötzlich wird aus einem körperlich schweren Transfer eine gemeinsame Bewegungsaufgabe.
50. Kurzfassung für Prüfung und Praxis
Kinästhetik beschäftigt sich mit der Wahrnehmung und Gestaltung menschlicher Bewegung.
Ziel ist unter anderem, Menschen dabei zu unterstützen, ihre eigene Bewegung und vorhandenen Ressourcen möglichst effektiv einzusetzen.
Für die Pflege bedeutet das:
nicht unnötig heben
→ Gewicht verlagern
→ Patient aktiv beteiligen
→ Bewegungen in Teilbewegungen ermöglichen
→ Umgebung anpassen
→ Pflegekraft unterstützt statt übernimmt
→ Selbstständigkeit fördern
→ körperliche Belastung reduzieren
Die sechs zentralen Konzepte sind:
Interaktion – Funktionale Anatomie – Menschliche Bewegung – Anstrengung – Menschliche Funktion – Umgebung
51. Der wichtigste Satz
Wenn du nur einen Satz aus diesem ganzen Artikel mitnehmen möchtest:
Kinästhetik bedeutet nicht, den Patienten möglichst geschickt zu bewegen, sondern ihm zu ermöglichen, sich möglichst selbst zu bewegen – und dabei die eigene Bewegung der Pflegekraft sinnvoll einzusetzen.
Oder noch kürzer:
Nicht den Menschen bewegen – Bewegung im Menschen ermöglichen.
Das ist zwar keine offizielle Definition, aber als Merksatz ziemlich gut.
Und jetzt hast du eigentlich schon ein schönes Dreieck für die neurologische Pflege:
Bobath → Wie kann ich neurologisch sinnvolle Bewegung fördern? Kinästhetik → Wie können Patient und Pflegekraft Bewegung gemeinsam gestalten? Aktivierende Pflege → Was kann der Patient selbst übernehmen?
Das lässt sich im Pflegealltag wunderbar zusammenbringen – und genau da wird es praktisch interessant.