Man kann nicht Nicht kommunizieren

Paul Watzlawick
Paul Watzlawick - Wenn die Loesung das Problem ist (1987)
Mitschnitt eines Vortrags
Paul Watzlawick - Die Therapie des "Als-Ob" (Vortrag, 1998)
Audio eines Vortrags
Paul Anton Watzlawick (* 25. Juli 1921 in Villach, Kärnten; † 31. März 2007 in Palo Alto, Kalifornien) war ein österreichisch-US-amerikanischer Philosoph, Psychotherapeut und Kommunikationswissenschaftler.
Watzlawick lebte ab 1960 in seiner Wahlheimat Kalifornien und arbeitete am Mental Research Institute (MRI) in Palo Alto. Er besaß zusätzlich zu seiner österreichischen die amerikanische Staatsbürgerschaft. Seine Arbeiten hatten Einfluss auf die Familientherapie und allgemeine Psychotherapie, und er veröffentlichte etliche Fachbücher. Im deutschsprachigen Raum wurde er vor allem durch seine populärwissenschaftliche Veröffentlichung Anleitung zum Unglücklichsein, sowie fachwissenschaftlich hochbeachtete Beiträge zur Kommunikationstheorie, zur Wahrnehmungspsychologie und zum radikalen Konstruktivismus einem größeren Publikum bekannt.
Watzlawiks Axiome
- Man kann nicht nicht kommunizieren.
- Jede Kommunikation hat Inhalts- und Beziehungsaspekt.
- Kommunikation ist immer Ursache und Wirkung (Interpunktion).
- Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler und analoger Modalitäten.
- Kommunikation ist symmetrisch oder komplementär.
1.) Man kann nicht Nicht kommunizieren
selbst wenn man nichts miteinander spricht
jeder Ausdruck ist ein Zeichen von Kommunikation:
Seufzen, Schweigen, Satzpausen, Atemrhytmus
2.) Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, wobei letzterer den ersteren bestimmt
Was bedeutet das?
Inhaltsaspekt = Was gesagt wird (Sachinformation)
Beziehungsaspekt = Wie es gemeint ist / Wie ich zum anderen stehe
Und jetzt der entscheidende Teil:
👉 Die Beziehungsebene beeinflusst, wie der Inhalt verstanden wird.
Menschen reagieren stärker auf die Beziehungsbotschaft als auf die reine Information.
Mit „Beziehungsaspekt“ meint Paul Watzlawick nicht primär Hierarchie (Boss vs. Untergebener).
Es geht nicht nur um Machtverhältnisse.
Es geht um die unausgesprochene Botschaft:
👉 „Wie stehe ich zu dir – und wie sehe ich dich?“
Also zum Beispiel:
Halte ich dich für kompetent oder unfähig?
Begegne ich dir auf Augenhöhe oder von oben herab?
Bin ich dir wohlwollend oder genervt?
Respektiere ich dich?
Das läuft meist unterschwellig mit.
3.) Ursache & Wirkung
Was bedeutet das?
In Kommunikation gibt es oft keine eindeutige Ursache und keine klare Wirkung.
Stattdessen entsteht ein Kreislauf.
Jeder Beteiligte glaubt:
👉 „Ich reagiere nur auf dich!“
Aber beide sind gleichzeitig Ursache und Wirkung.
Klassisches Beispiel
Pflegekraft (genervt):
„Sie klingeln aber heute oft.“
Patient (kühl):
„Wenn jemand mal schneller käme, müsste ich nicht so oft klingeln.“
Pflegekraft denkt:
„Er ist fordernd, deshalb bin ich genervt.
Patient denkt:
„Sie reagiert gereizt, deshalb fühle ich mich unsicher und klingele öfter
Beide sehen ihr Verhalten als Reaktion.
Keiner sieht sich als Auslöser.
💡 Das ist Interpunktion
Jeder „setzt den Anfangspunkt“ anders:
Pflegekraft: Sein Verhalten → meine Reaktion
Patient: Ihre Haltung → mein Verhalten
Und schon steckt man in einer Schleife.
🎯 Warum ist das wichtig?
Weil Konflikte oft nicht eskalieren,
weil jemand „schuld“ ist —
sondern weil beide in einem Kommunikationskreislauf festhängen
Wenn einer aussteigt („Lassen Sie uns kurz klären, was hier gerade passiert“),
unterbricht er die Spirale.
Und das ist kommunikative Meisterklasse 😏
4.) Digital and Analog
Digital
= sprachlich, logisch, eindeutig
Also Worte, Zahlen, Fakten.
Beispiel:
„Ich komme um 14 Uhr.“
Sprache ist präzise, aber manchmal emotional arm.
Analog
= nonverbal, bildhaft, beziehungsbezogen
Mimik, Gestik, Tonfall, Haltung.
Beispiel:
„Ist schon gut.“
Digital: alles okay.
Analog (genervter Ton, verschränkte Arme): gar nichts ist okay.
Der analoge Anteil transportiert meist die Beziehungsebene.
Wenn digital und analog nicht zusammenpassen, glauben Menschen fast immer dem Analogen.
Sagt jemand lächelnd „Ich freue mich“ → glaubwürdig.
Sagt jemand kalt „Ich freue mich“ → niemand glaubt’s.
5.) Symmetrische und komplementäre Kommunikation
Nach Paul Watzlawick ist Kommunikation entweder symmetrisch oder komplementär organisiert. Das beschreibt, wie zwei Personen ihre Beziehung strukturieren.
Symmetrische Kommunikation
Hier begegnen sich beide auf gleicher Ebene.
Die Beziehung ist durch Gleichheit geprägt.
Beispiele:
Zwei Kollegen diskutieren auf Augenhöhe.
Zwei Freunde planen etwas gemeinsam.
Ein Patient sagt: „Ich möchte das so nicht.“ – Pflegekraft: „Gut, dann schauen wir gemeinsam nach einer Alternative.“
Risiko: Es kann zu Konkurrenz kommen („Ich habe recht!“ – „Nein, ich!“).
Komplementäre Kommunikation
Hier besteht ein Unterschied in der Rolle oder Position.
Die Beziehung ist durch Ergänzung geprägt.
Beispiele:
Pflegekraft gibt Anleitung, Patient folgt.
Lehrer erklärt, Schüler hört zu.
Arzt trifft Entscheidung in Notfallsituation.
Risiko: Wenn die Rollen zu starr werden → Dominanz oder Abhängigkeit.
Wichtig
Weder symmetrisch noch komplementär ist „besser“.
Gesunde Kommunikation kann zwischen beiden wechseln.
Im Pflegealltag, Don, brauchst du beides:
Symmetrisch für Beziehung und Vertrauen.
Komplementär für Verantwortung und Sicherheit.
Kommunikative Reife heißt also: bewusst zwischen den Ebenen wechseln können – ohne Machtspielchen.
Und jetzt Hand aufs Herz: Man erkennt plötzlich ziemlich viele Konflikte im Team wieder, oder? 😏
Wirklichkeitskonstruktion
Er vertrat die Idee, dass wir unsere Wirklichkeit durch Kommunikation miterschaffen.
Nicht „die Realität“ zählt, sondern wie wir sie interpretieren.
🛠 Reframing
Eine Situation anders deuten, um neue Lösungen möglich zu machen.
Beispiel:
„Der Patient ist schwierig.“
Reframe: „Der Patient ist verunsichert und versucht Kontrolle zu behalten.“