Tom Kitwood 🟡

- die personzentrierte Pflege bei Demenz

Was macht die Umgebung mit einem Menschen, der an Demenz erkrankt ist?

Damit verschiebt sich der Blick von „Was stimmt mit dem Bewohner nicht?“ zu „Was passiert zwischen dem Menschen und seiner Umwelt?“

Kurz gesagt

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Tom Kitwood (1937–1998) war ein britischer Psychologe und Gerontologe und einer der wichtigsten Begründer der personzentrierten Demenzpflege. Sein 1997 erschienenes Hauptwerk Dementia Reconsidered – The Person Comes First stellte die damals stark medizinisch geprägte Sicht auf Demenz infrage. (Person Centered Medicine Journal)

Kitwoods zentrale Idee lautet:

Ein Mensch mit Demenz ist nicht zuerst „Demenzpatient“, sondern weiterhin eine Person mit eigener Biografie, Identität, Bedürfnissen, Beziehungen und Würde.

Dabei entsteht das Wohlbefinden eines Menschen mit Demenz nicht allein aus seinem neurologischen Zustand. Auch Beziehungen, Kommunikation, Umgebung und die Art der Pflege beeinflussen maßgeblich, wie sich der Mensch erlebt und verhält. (NCBI)


1. Wer war Tom Kitwood?

Tom Kitwood Thomas Marris Kitwood wurde 1937 in England geboren und starb 1998 im Alter von 61 Jahren. Er studierte zunächst Naturwissenschaften in Cambridge und arbeitete später unter anderem als Lehrer und Hochschullehrer. An der University of Bradford beschäftigte er sich intensiv mit Demenz und entwickelte gemeinsam mit anderen Forschern eine neue Sichtweise auf die soziale und psychologische Dimension der Demenz. (Person Centered Medicine Journal)

Besonders wichtig wurde seine Arbeit, weil er die damalige Pflegekultur kritisierte.

Die klassische medizinische Betrachtung sah Demenz vor allem als:

Erkrankung des Gehirns → kognitive Verschlechterung → Verhaltensveränderungen → zunehmender Funktionsverlust.

Kitwood hielt diese Erklärung für zu kurz.

Natürlich sind die neurologischen Veränderungen real und entscheidend.

Aber:

Sie erklären nicht vollständig, wie ein Mensch seine Demenz erlebt und warum sich sein Verhalten in verschiedenen Situationen unterschiedlich zeigt.

Bereits 1993 formulierte Kitwood, dass Erscheinungsbild und Verlauf einer Demenz auch wesentlich vom zwischenmenschlichen Kontext abhängen. (Wiley Online Library)


2. Der entscheidende Perspektivwechsel

Hier liegt eigentlich das HerzstĂĽck seiner Theorie.

Stell dir zwei Aussagen vor:

Variante A

„Frau Müller ist dement und deshalb aggressiv.“

Der Fehler liegt hier gedanklich fast ausschlieĂźlich in Frau MĂĽller.

Variante B

„Frau Müller schlägt nach mir, wenn ich sie morgens ohne Erklärung auszieht.“

Jetzt wird die Situation untersucht.

Vielleicht:

  • versteht sie nicht, was passiert,
  • fĂĽhlt sie sich bedroht,
  • friert sie,
  • schämt sie sich,
  • möchte sie nicht gewaschen werden,
  • erkennt sie die Pflegekraft nicht,
  • braucht sie mehr Zeit,
  • möchte sie selbst bestimmen,
  • hat sie Schmerzen,
  • oder wird gerade eine persönliche Grenze ĂĽberschritten?

Das Verhalten wird damit nicht automatisch „richtig“.

Aber es bekommt eine Bedeutung.

Und genau das ist ein zentraler Gedanke Kitwoods:

Verhalten ist Kommunikation.

Das bedeutet nicht, dass jedes Verhalten eine eindeutig entschlĂĽsselbare Botschaft besitzt.

Aber statt Verhalten vorschnell als „störend“, „aggressiv“, „unkooperativ“ oder „dement bedingt“ abzutun, sollte die Pflege fragen:

Was könnte dieses Verhalten für diesen Menschen bedeuten?


3. Personhood – die Person bleibt erhalten

Ein SchlĂĽsselbegriff bei Kitwood ist Personhood.

Das lässt sich ungefähr mit

Personsein / Personenstatus / Wahrung der Person

ĂĽbersetzen.

Gemeint ist nicht einfach:

„Der Mensch besitzt biologisch weiterhin eine menschliche Existenz.“

Sondern:

Der Mensch wird von anderen weiterhin als einzigartige, wertvolle und respektwĂĽrdige Person anerkannt.

Personsein entsteht bei Kitwood wesentlich in Beziehungen. Menschen bestätigen sich gegenseitig darin, wer sie sind. Gerade bei Demenz kann diese Bestätigung durch andere immer wichtiger werden. (PubMed Central (PMC))

Das fĂĽhrt zu einer wichtigen Konsequenz:

Die Pflege kann Personsein stärken – oder schwächen.

Eine Pflegekraft kann beispielsweise sagen:

„Frau Schmidt, ich sehe, dass Sie heute etwas unsicher sind. Wir machen das ganz langsam.“

Oder:

„Komm, wir müssen jetzt waschen.“

Beide Sätze können dieselbe Handlung einleiten.

Aber sozial und emotional passiert etwas völlig anderes.


4. Das „Enriched Model“ – Demenz entsteht nicht nur aus der Krankheit

Kitwood entwickelte ein erweitertes Modell, um Demenz nicht ausschlieĂźlich biologisch zu betrachten.

Vereinfacht kann man es so darstellen:

Demenz = neurologische Veränderungen + Persönlichkeit + Biografie + körperliche Gesundheit + soziale Umwelt + Beziehungen

Das ist wichtig, weil die Auswirkungen einer Demenz nicht bei jedem Menschen gleich aussehen.

Zwei Menschen können beispielsweise eine vergleichbare kognitive Einschränkung besitzen und trotzdem völlig unterschiedlich reagieren.

Warum?

Weil Menschen unterschiedliche:

  • Lebensgeschichten,
  • Persönlichkeiten,
  • Beziehungen,
  • Gewohnheiten,
  • Fähigkeiten,
  • Ă„ngste,
  • BedĂĽrfnisse,
  • körperliche Beschwerden

haben.

Die Erkrankung trifft also nicht auf ein leeres Blatt.

Sie trifft auf eine bereits vorhandene Person.


5. Die fĂĽnf psychologischen GrundbedĂĽrfnisse

Kitwood beschrieb fĂĽnf zentrale psychologische BedĂĽrfnisse:

  1. Trost – Comfort
  2. Bindung – Attachment
  3. Einbeziehung – Inclusion
  4. Beschäftigung – Occupation
  5. Identität – Identity

Sie stehen nicht hierarchisch ĂĽbereinander, sondern bilden eher ein miteinander verbundenes BedĂĽrfnisgefĂĽge. Zusammen weisen sie auf ein ĂĽbergeordnetes BedĂĽrfnis nach Liebe bzw. emotionaler Verbundenheit hin. (NCBI)

Das ist fĂĽr die Pflege extrem praktisch.


5.1 Comfort – Trost und Geborgenheit

Der Mensch braucht Sicherheit, Wärme, Zuwendung und das Gefühl:

„Ich bin hier sicher.“

Das kann ganz banal beginnen:

  • freundliche Stimme,
  • Blickkontakt,
  • BerĂĽhrung,
  • Wärme,
  • Ruhe,
  • vertraute Umgebung,
  • Schmerzen ernst nehmen,
  • Angst wahrnehmen,
  • Zeit lassen.

Pflegebeispiel

Ein Bewohner ist unruhig und läuft ständig über den Flur.

Eine rein funktionale Reaktion wäre:

„Herr Müller, setzen Sie sich bitte hin.“

Personzentriert wäre zunächst:

„Herr Müller, Sie wirken gerade etwas unruhig. Kommen Sie, wir schauen gemeinsam, was los ist.“

Vielleicht stellt sich heraus, dass er friert, zur Toilette muss oder seine Frau sucht.


5.2 Attachment – Bindung

Menschen brauchen Beziehungen, Vertrauen und Verlässlichkeit.

Bei Demenz kann dieses BedĂĽrfnis sogar besonders deutlich werden.

Eine vertraute Pflegekraft kann Sicherheit vermitteln:

„Du bist nicht allein.“

Dazu gehören:

  • bekannte Personen,
  • vertraute Rituale,
  • konstante Bezugspersonen,
  • Verlässlichkeit,
  • emotionale Nähe,
  • Vertrauen.

Gerade bei zunehmendem Verlust kognitiver Fähigkeiten kann die emotionale Vertrautheit einer Beziehung wichtiger werden als die Fähigkeit, sich an Namen oder Fakten zu erinnern.


5.3 Inclusion – Einbeziehung

Der Mensch möchte dazugehören.

Nicht:

„Die dementen Bewohner sitzen dort.“

Sondern:

„Du gehörst weiterhin zu uns.“

Einbeziehung bedeutet beispielsweise:

  • Gespräche,
  • gemeinsame Aktivitäten,
  • Entscheidungen ermöglichen,
  • beim Essen dabeisitzen,
  • Angehörige einbeziehen,
  • den Menschen nicht aus sozialen Situationen ausschlieĂźen.

Ein Bewohner muss nicht mehr alles verstehen können, um Teil der Gemeinschaft zu sein.


5.4 Occupation – Beschäftigung

Occupation bedeutet hier mehr als „Zeit totschlagen“.

Es geht um:

etwas tun, das fĂĽr die Person sinnvoll ist.

Also nicht einfach:

„Hier, machen Sie dieses Beschäftigungsblatt.“

Sondern:

„Was hat dieser Mensch früher gerne gemacht? Was kann er heute noch tun?“

Beispiele:

  • Kartoffeln schälen,
  • Tisch decken,
  • Blumen gieĂźen,
  • HandtĂĽcher zusammenlegen,
  • Musik hören,
  • singen,
  • spazieren,
  • handwerklich arbeiten,
  • kochen,
  • Tiere versorgen.

Das Entscheidende ist:

Die Tätigkeit muss zur Person passen.

Ein ehemaliger Handwerker könnte beispielsweise mehr davon haben, einen Schraubstock oder Werkzeug in der Hand zu haben, als ein standardisiertes „Demenzspiel“ zu bearbeiten.


5.5 Identity – Identität

Das ist einer meiner Lieblingspunkte bei Kitwood.

Denn Identität bedeutet:

„Wer bin ich?“

Und genau diese Frage kann durch Demenz zunehmend gefährdet werden.

Eine Person besteht aber nicht nur aus ihrem aktuellen kognitiven Leistungsvermögen.

Sie hat eine:

  • Lebensgeschichte,
  • Rolle,
  • Familie,
  • Berufsgeschichte,
  • Vorlieben,
  • Abneigungen,
  • Werte,
  • Gewohnheiten,
  • Beziehungen,
  • Erinnerungen.

Deshalb ist Biografiearbeit fĂĽr Kitwoods Ansatz so wichtig.

Wenn eine Bewohnerin frĂĽher Schneiderin war, ist die Information

„Frau Meier, 87 Jahre, Demenz“

praktisch wertlos.

Viel interessanter wäre:

„Frau Meier war 42 Jahre Schneiderin, liebte Stoffe und Farben und hat früher die Kleidung ihrer Kinder selbst genäht.“

Jetzt entsteht wieder eine Person.


6. Maligne Sozialpsychologie

Jetzt wird Kitwood besonders interessant.

Er prägte den Begriff:

„Malignant Social Psychology“

auf Deutsch ungefähr:

schädigende / bösartige Sozialpsychologie

Der Begriff klingt ziemlich heftig.

Kitwood meinte damit jedoch nicht, dass Pflegekräfte absichtlich böse handeln.

Vielmehr beschrieb er alltägliche Interaktionsweisen, die die Personwürde und das Wohlbefinden eines Menschen mit Demenz untergraben können. Häufig entstehen solche Verhaltensweisen aus Routinen, Zeitdruck, Unwissenheit oder einer institutionellen Pflegekultur. (OUP Academic)

Einige von Kitwoods beschriebenen Formen sind:

Verhalten Was passiert?
Ignorieren Die Person wird nicht wahrgenommen
Infantilisieren Erwachsene werden wie Kinder behandelt
Labeling Der Mensch wird auf „Demenz“ oder ein Verhalten reduziert
Disempowerment Entscheidungen werden unnötig abgenommen
Imposition Eigene Vorstellungen werden aufgezwungen
Outpacing Die Pflegekraft ist schneller als die Person
Invalidation GefĂĽhle oder Aussagen werden als falsch abgetan
Objectification Die Person wird wie ein Pflegeobjekt behandelt
Stigmatisierung Der Mensch wird aufgrund seiner Erkrankung abgewertet
Banishment Der Mensch wird aus Gemeinschaft ausgeschlossen
Mockery Verhalten oder Äußerungen werden lächerlich gemacht

Kitwood beschrieb insgesamt eine Reihe solcher „detractors“. (OUP Academic)


7. Outpacing – ein besonders gutes Beispiel

Outpacing bedeutet sinngemäß:

Die Pflegekraft ist schneller als der Mensch.

Das passiert in der Pflege ständig.

Pflegekraft:

„Guten Morgen Frau Müller, wir müssen jetzt aufstehen, hier ist Ihre Hose, kommen Sie, setzen Sie sich, jetzt den Arm, Schuhe an, wir haben heute keine Zeit.“

Fertig.

FĂĽr die Pflegekraft:

effizient.

Für Frau Müller möglicherweise:

komplettes Chaos.

Kitwoods Perspektive fragt:

Kann Frau MĂĽller ĂĽberhaupt noch folgen?

Vielleicht braucht sie zwischen den einzelnen Schritten fĂĽnf oder zehn Sekunden.

Dann könnte man stattdessen sagen:

„Guten Morgen Frau Müller.“

Pause.

„Wir wollen jetzt langsam aufstehen.“

Pause.

„Ich helfe Ihnen.“

Pause.

Das dauert möglicherweise 30 Sekunden länger.

Aber vielleicht verhindert es anschlieĂźend zehn Minuten Widerstand.

Pflege-Ironie Nummer 1:

Zeit sparen durch Zeit haben.


8. Infantilisierung

Ein weiterer Klassiker.

Ein 85-jähriger Mensch wird plötzlich angesprochen wie ein Kleinkind:

„Na, wollen wir jetzt mal schön Pipi machen?“

Oder:

„Hast du auch fein gegessen?“

Das Problem ist nicht automatisch die Verwendung einer verniedlichenden Sprache.

Entscheidend ist:

Wird der Erwachsene dadurch seiner erwachsenen Identität beraubt?

Kitwood fordert deshalb eine Kommunikation, die die Person als erwachsenen Menschen respektiert.


9. Positive Person Work

Das Gegenstück zur „Malignant Social Psychology“ ist:

Positive Person Work

Damit sind Interaktionen gemeint, die Personsein erhalten oder stärken.

Dazu gehören beispielsweise:

  • Anerkennen,
  • Zuhören,
  • Ermutigen,
  • Einbeziehen,
  • Validieren,
  • Fähigkeiten ermöglichen,
  • gemeinsam handeln,
  • Individualität berĂĽcksichtigen,
  • Nähe und Sicherheit geben.

Das Ziel ist nicht:

„Wir müssen den Menschen wieder normal machen.“

Sondern:

„Wie können wir dafür sorgen, dass dieser Mensch trotz Demenz möglichst viel Wohlbefinden und Personsein erleben kann?“

Das ist ein wichtiger Unterschied.


10. Verhalten wird neu interpretiert

Hier zeigt sich Kitwoods Theorie besonders deutlich.

Nehmen wir einen Bewohner:

Herr X läuft ständig durch den Flur.

Eine klassische Interpretation könnte sein:

„Wandert herum wegen seiner Demenz.“

Kitwood wĂĽrde eher fragen:

  • Was sucht er?
  • Wohin möchte er?
  • Ist ihm langweilig?
  • Hat er Angst?
  • Muss er zur Toilette?
  • Sucht er eine bestimmte Person?
  • Ist die Umgebung zu laut?
  • Hat er Schmerzen?
  • Welche biografische Bedeutung könnte das Laufen haben?

Vielleicht war Herr X frĂĽher Postbote.

Dann könnte sein ständiges Gehen möglicherweise mit seiner früheren Lebenswelt verbunden sein.

Das heiĂźt nicht:

„Wir haben die Ursache gefunden.“

Sondern:

Wir haben aufgehört, vorschnell zu behaupten, es gäbe keine Bedeutung.


11. Kitwood und „herausforderndes Verhalten“

Das ist auch fĂĽr moderne Pflege wichtig.

Statt ausschlieĂźlich von

„Problemverhalten“

zu sprechen, kann man sich fragen:

Warum entsteht dieses Verhalten gerade jetzt?

Ein Mensch mit Demenz schreit beispielsweise.

Mögliche Ursachen:

Körperlich

  • Schmerzen
  • Infektion
  • Obstipation
  • Harnverhalt
  • Hunger
  • Durst
  • Schlafmangel

Psychisch

  • Angst
  • Einsamkeit
  • Ăśberforderung
  • Unsicherheit

Sozial

  • Konflikt
  • unbekannte Pflegekraft
  • fehlende Erklärung
  • GefĂĽhl des Kontrollverlustes

Umwelt

  • Lärm
  • viele Menschen
  • ungewohnte Umgebung
  • schlechte Beleuchtung

Biografisch

  • bestimmte Situation erinnert an etwas Belastendes
  • vertraute Handlungsmuster werden ausgelöst

Damit verbindet Kitwood personzentrierte Pflege mit einer sehr wichtigen pflegerischen Grundhaltung:

Nicht nur fragen: „Was macht der Mensch?“ Sondern auch: „Was machen wir mit dem Menschen?“


12. Die Pflegekraft wird Teil des Geschehens

Das ist vielleicht die anspruchsvollste Konsequenz.

Bei einer eher medizinischen Betrachtung steht die Erkrankung im Mittelpunkt:

Demenz → Verhalten

Kitwood erweitert die Kette:

Demenz + Person + Umwelt + Beziehung → Verhalten und Wohlbefinden

Die Pflegekraft ist also nicht bloĂź Beobachterin.

Sie ist Teil der Situation.

Das bedeutet beispielsweise:

Wenn ein Bewohner bei einer bestimmten Pflegekraft immer aggressiv wird, könnte man fragen:

„Was macht diese Pflegekraft anders?“

Und nicht nur:

„Warum ist der Bewohner aggressiv?“

Das ist keine Schuldzuweisung.

Es ist eine professionelle Selbstreflexion.


13. Dementia Care Mapping

Kitwood entwickelte auĂźerdem gemeinsam mit seinem Team das sogenannte:

Dementia Care Mapping – DCM

Dabei wird nicht nur dokumentiert, was Pflegekräfte tun, sondern es wird systematisch beobachtet, wie Menschen mit Demenz die Pflege und ihre Umgebung erleben.

Die Perspektive wird also gewissermaĂźen umgedreht:

Nicht:

„Haben wir unsere Aufgaben erledigt?“

sondern:

„Was erlebt der Bewohner währenddessen?“

DCM wurde an der University of Bradford entwickelt und wird zur Beobachtung, Reflexion und Verbesserung personzentrierter Pflege eingesetzt. (University of Bradford)


14. Ein praktisches Beispiel

Stell dir Frau Schneider vor.

Sie lebt mit fortgeschrittener Demenz in einem Pflegeheim.

Morgens weigert sie sich häufig, sich waschen zu lassen.

Klassische Dokumentation

„Patientin verweigert Körperpflege.“

Das beschreibt zwar das Verhalten, aber kaum den Menschen.

Kitwood-orientierte Betrachtung

Die Pflegekraft beobachtet:

  • Frau Schneider schläft noch.
  • Sie reagiert erschrocken auf plötzliches Anfassen.
  • Sie versteht längere Erklärungen nicht mehr.
  • Sie entspannt sich bei Musik.
  • FrĂĽher war ihr Körperpflege sehr wichtig.
  • Sie mochte Lavendelduft.
  • Sie hat frĂĽher selbstständig gearbeitet und groĂźen Wert auf Selbstbestimmung gelegt.

Jetzt verändert sich die Pflege:

Musik an.

Vorstellen.

Blickkontakt.

Langsam erklären.

Erst Zustimmung abwarten.

Waschlappen selbst in die Hand geben.

Nur dort unterstĂĽtzen, wo Hilfe notwendig ist.

Vielleicht Lavendelduft verwenden, wenn sie ihn mag.

Das Ziel lautet nicht:

„Wir müssen Frau Schneider dazu bringen, sich waschen zu lassen.“

Sondern:

„Wie können wir Frau Schneider ermöglichen, ihre Körperpflege mit möglichst viel Sicherheit, Selbstbestimmung und Würde zu erleben?“

Das ist Kitwood in der Praxis.


15. Kitwood und Validation – nicht dasselbe

Hier gibt es häufig Verwechslungen.

Kitwood ≠ Validation.

Validation ist ein eigener Ansatz, der besonders mit Naomi Feil verbunden ist.

Es gibt aber deutliche Ăśberschneidungen:

Beide Ansätze nehmen die subjektive Erlebniswelt des Menschen ernst.

Wenn Frau MĂĽller sagt:

„Ich muss nach Hause, meine Kinder warten.“

kann man beispielsweise nicht einfach antworten:

„Ihre Kinder sind doch längst erwachsen.“

Das wäre eine faktische Korrektur.

Personzentriert könnte man zunächst die emotionale Ebene betrachten:

„Sie machen sich Sorgen um Ihre Kinder.“

Damit wird nicht behauptet, dass die Kinder tatsächlich warten.

Man nimmt aber das GefĂĽhl ernst.


16. Kitwood und Biografiearbeit

Biografiearbeit passt hervorragend zu Kitwoods Theorie.

Denn Biografie liefert Informationen darĂĽber:

Wer ist dieser Mensch?

Beispielsweise:

Information Pflegebedeutung
Früher Bäcker Brotduft / Küchentätigkeiten können vertraut sein
Liebte Gartenarbeit Pflanzenpflege als Beschäftigung
War Krankenschwester Selbstständigkeit und Fachwissen berücksichtigen
Liebte klassische Musik Musik als Zugang zur Person
Hatte immer Tiere Tierkontakt kann bedeutsam sein
War sehr ordentlich Unordnung kann Stress verursachen
FrĂĽher FrĂĽhaufsteher Tagesstruktur entsprechend gestalten

Dabei sollte Biografiearbeit aber nicht zu einem neuen Etikett werden.

Nur weil jemand früher Gärtner war, muss er nicht jeden Tag Blumen gießen wollen.

Biografie ist eine Orientierung – kein Gefängnis.


17. Kitwoods Sicht auf Selbstbestimmung

Personzentrierte Pflege bedeutet auch:

Nicht alles fĂĽr den Menschen tun, was schneller geht.

Beispiel:

Eine Bewohnerin kann ihr Brot noch selbst schmieren.

Pflegekraft:

„Ich mache das schnell für Sie.“

Das ist effizient.

Aber vielleicht nimmt man ihr damit gleichzeitig:

  • Selbstständigkeit,
  • Entscheidung,
  • Beschäftigung,
  • Erfolgserlebnis,
  • Identität.

Besser:

„Möchten Sie Ihr Brot selbst schmieren?“

und nur bei Bedarf unterstĂĽtzen.

Damit treffen sich Kitwood und moderne Konzepte wie Ressourcenorientierung und aktivierende Pflege.


18. Personzentrierte Pflege bedeutet nicht „alles erlauben“

Das ist eine wichtige Grenze.

Personzentrierte Pflege bedeutet nicht:

„Der Bewohner darf alles machen.“

Sicherheit, medizinische Versorgung und Schutz bleiben wichtig.

Wenn beispielsweise ein Mensch mit Demenz sturzgefährdet ist, bedeutet Personzentrierung nicht, ihn einfach unbeaufsichtigt auf einer Treppe herumklettern zu lassen.

Die Frage lautet vielmehr:

Wie können Sicherheit und Selbstbestimmung miteinander vereinbart werden?

Das ist wesentlich anspruchsvoller als reine Verbote.


19. Die Organisation gehört ebenfalls dazu

Kitwood ging sogar noch weiter.

Nicht nur die einzelne Pflegekraft beeinflusst die Person.

Auch:

  • Dienstpläne,
  • Zeitdruck,
  • PersonalschlĂĽssel,
  • Wohnumgebung,
  • Arbeitskultur,
  • Hierarchien,
  • Dokumentationssysteme,
  • Regeln,
  • Routinen

können personzentrierte Pflege ermöglichen oder erschweren.

Deshalb braucht personzentrierte Pflege nicht nur „nette Pflegekräfte“.

Sie braucht auch eine personzentrierte Organisation.

Das ist ein zentraler Punkt seines Werkes. Die spätere Aufarbeitung seiner Arbeit beschäftigt sich ausdrücklich auch mit der „caring organization“ und der notwendigen kulturellen Veränderung. (McGraw Hill Education)


20. Kitwoods Theorie als Denkmodell

Man kann seine Theorie für die Pflege sehr schön als Kreislauf darstellen:

              PERSON
                 ↓
       Biografie + Identität
                 ↓
        BedĂĽrfnisse
                 ↓
        Beziehungen
                 ↓
        Pflegehandlung
                 ↓
     Wohlbefinden / Unwohlsein
                 ↓
       Verhalten / Ausdruck
                 ↓
      Reaktion der Umwelt
                 ↓
        ↑───────────────↑

Die Reaktion der Umwelt beeinflusst wiederum die Person.

Damit entsteht ein dynamischer Kreislauf.

Ein Mensch ist also nicht einfach:

Demenz → schwieriges Verhalten

sondern eher:

Demenz + Bedürfnisse + Person + Umwelt + Beziehung → Verhalten

und anschlieĂźend:

Verhalten → Reaktion der Umwelt → weiteres Erleben des Menschen.


21. Die fĂĽnf BedĂĽrfnisse als Pflege-Checkliste

FĂĽr die Praxis kann man Kitwoods Modell hervorragend als kleine Checkliste verwenden:

Trost

FĂĽhlt sich die Person sicher und geborgen?

Bindung

Hat sie vertraute Menschen und Beziehungen?

Einbeziehung

Gehört sie dazu oder wird sie ausgeschlossen?

Beschäftigung

Kann sie etwas Sinnvolles tun?

Identität

Wird sie als die Person gesehen, die sie ist?

Wenn mehrere dieser Bedürfnisse dauerhaft nicht erfüllt werden, kann das Wohlbefinden erheblich beeinträchtigt werden. (NCBI)


22. Warum Kitwood fĂĽr die Pflege so wichtig wurde

Kitwoods Ansatz hat die Demenzpflege stark beeinflusst. Seine Arbeit gehört weiterhin zu den zentralen Bezugspunkten der personzentrierten Demenzpflege. (PubMed)

Sein vielleicht wichtigster Beitrag war dabei gar nicht eine einzelne PflegemaĂźnahme.

Es war die Veränderung der Fragestellung.

Vorher:

Was macht die Demenz mit dem Menschen?

Kitwood ergänzt:

Was macht unsere Umgebung mit dem Menschen, der Demenz hat?

Und daraus folgt eine noch spannendere Frage:

Wie können wir durch unsere Pflege dazu beitragen, dass dieser Mensch sich weiterhin als Person erlebt?


23. Kitwood in einem einzigen Beispiel

Eine Bewohnerin ruft ständig:

„Ich will zu meiner Mutter!“

Nicht personzentriert:

„Ihre Mutter ist doch schon seit 30 Jahren tot.“

Auch nicht besonders hilfreich:

„Sie müssen verstehen, dass Sie hier im Pflegeheim sind.“

Kitwood-orientiert:

Die Pflegekraft versucht zunächst herauszufinden:

Was steckt hinter diesem Satz?

Vielleicht:

  • Angst,
  • BedĂĽrfnis nach Sicherheit,
  • Sehnsucht,
  • Orientierungslosigkeit,
  • Wunsch nach Geborgenheit.

Dann könnte sie antworten:

„Sie vermissen Ihre Mutter sehr, oder?“

Vielleicht erzählt die Frau anschließend von ihrer Kindheit.

Und plötzlich ist aus einem vermeintlichen „Demenzsymptom“ eine Beziehungssituation geworden.

Das ist ziemlich genau die geistige Bewegung, die Kitwood erreichen wollte.


24. Kritik und Grenzen

Kitwoods Ansatz ist sehr einflussreich, aber natürlich keine komplette Erklärung der Demenz.

Die neurologischen Prozesse einer Demenzerkrankung verschwinden nicht durch gute Pflege.

Alzheimer-Krankheit, Lewy-Körper-Demenz, vaskuläre Demenz usw. haben reale biologische Pathologien.

Personzentrierte Pflege kann diese Erkrankungen nicht heilen.

Außerdem darf man nicht jedes Verhalten ausschließlich psychosozial erklären.

Wenn ein Mensch plötzlich aggressiv oder stark unruhig wird, muss immer auch an körperliche Ursachen gedacht werden:

Schmerz → Infektion → Delir → Obstipation → Harnverhalt → Medikamente → Schlafmangel → Hunger/Durst usw.

Das ist ein wichtiger pflegerischer Punkt:

Kitwood ersetzt die medizinische Perspektive nicht.

Er ergänzt sie.

Die moderne Sicht könnte deshalb lauten:

Biologie + Psychologie + Biografie + soziale Umwelt + Beziehung

statt nur:

Biologie.


25. Die Theorie als Merksatz

Wenn du Kitwood für eine Prüfung lernen möchtest, würde ich mir nicht 20 Definitionen merken.

Ich wĂĽrde mir diesen Gedanken merken:

„Der Mensch ist mehr als seine Demenz.“

Und dann:

Personhood erhalten

durch

Trost + Bindung + Einbeziehung + Beschäftigung + Identität

und dabei

schädigende Interaktionen vermeiden

sowie

positive, personzentrierte Beziehungen fördern.

Oder noch kĂĽrzer:

Nicht die Demenz pflegen – den Menschen mit Demenz.

Das ist natĂĽrlich etwas zugespitzt, aber als Lernanker ziemlich genial.


Kitwood als Pflege-Denkmodell

Frage Kitwood-orientierte Perspektive
Was sehe ich? Verhalten und Ausdruck einer Person
Was könnte dahinterstehen? Bedürfnisse, Gefühle, körperliche oder soziale Ursachen
Wer ist der Mensch? Person mit Biografie und Identität
Was braucht er? Trost, Bindung, Einbeziehung, Beschäftigung, Identität
Wie verhalte ich mich? respektvoll, geduldig, unterstĂĽtzend
Was sollte ich vermeiden? Ignorieren, Infantilisieren, Ăśberfordern, EntmĂĽndigen
Was ist das Ziel? Personhood und Wohlbefinden erhalten
Was muss die Organisation leisten? Eine Kultur ermöglichen, die personzentrierte Pflege unterstützt

Einordnung fĂĽr deine Pflegeausbildung

Kitwood lässt sich übrigens hervorragend mit Validation, Biografiearbeit, Basaler Stimulation, aktivierender Pflege, Ressourcenorientierung und dem Strukturmodell verbinden – aber die Konzepte sind nicht identisch.

Der entscheidende Kitwood-Gedanke ist dabei die Personhood: Der Mensch verliert durch Demenz nicht automatisch seinen Personenstatus. Vielmehr kann die soziale Umgebung dazu beitragen, dass dieser Status erhalten, gestärkt oder untergraben wird. Genau deshalb ist die Haltung der Pflegekraft selbst ein Bestandteil der Pflege. (NCBI)

Und das macht Kitwood für die Altenpflege so interessant: Er verschiebt die Frage von „Wie bekomme ich dieses Verhalten weg?“ zu „Was versucht mir dieser Mensch möglicherweise mitzuteilen – und wie kann ich die Situation so verändern, dass sein Wohlbefinden steigt?“