Niere - ren

Klar, Don. Ich würde den Artikel so aufbauen, dass er nicht einfach eine Liste von Nierenerkrankungen ist, sondern zuerst erklärt, was die Niere eigentlich macht und an welchen Stellen sie krank werden kann. Danach lassen sich die einzelnen Erkrankungen viel leichter einordnen.

Nierenerkrankungen

Die Nieren gehören zu den Organen, deren Bedeutung man häufig erst erkennt, wenn ihre Funktion eingeschränkt ist. Sie sind weit mehr als ein „Filter für den Urin“. Sie regulieren den Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt, beeinflussen den Blutdruck, halten den Säure-Basen-Haushalt stabil, scheiden Stoffwechselprodukte und Medikamente aus und übernehmen wichtige hormonelle Aufgaben.

Eine Nierenerkrankung kann deshalb sehr unterschiedliche Folgen haben: von verändertem Urin über Ödeme und Bluthochdruck bis hin zu lebensbedrohlichen Elektrolytstörungen oder einer Urämie.


1. Steckbrief

Organ: Niere Lage: beidseits der Wirbelsäule im hinteren Bauchraum, etwa zwischen Th12 und L3 Gewicht: jeweils ungefähr 120–180 g beim Erwachsenen Anzahl: normalerweise 2 Funktionelle Einheit: Nephron Hauptaufgaben:

  • Bildung von Urin
  • Ausscheidung harnpflichtiger Stoffwechselprodukte
  • Regulation des Wasserhaushalts
  • Regulation von Elektrolyten
  • Regulation des Säure-Basen-Haushalts
  • Regulation des Blutdrucks
  • Bildung bzw. Aktivierung wichtiger Hormone

Wichtige Erkrankungen:

  • akute Nierenschädigung (AKI)
  • chronische Nierenkrankheit (CKD)
  • Glomerulonephritis
  • diabetische Nephropathie
  • hypertensive Nephropathie
  • Pyelonephritis
  • Zystennieren
  • Nierensteine
  • Nierenkarzinom
  • nephrotisches Syndrom
  • nephritisches Syndrom
  • Niereninsuffizienz

2. Anatomie der Niere

Die Niere besitzt ungefähr die Form einer großen Bohne.

Von außen nach innen unterscheidet man:

Nierenkapsel → Nierenrinde → Nierenmark → Nierenkelche → Nierenbecken → Harnleiter

Nierenrinde – Cortex renalis

In der Nierenrinde befinden sich unter anderem:

  • Nierenkörperchen
  • Teile der Nierentubuli

Hier beginnt die Bildung des Primärharns.

Nierenmark – Medulla renalis

Das Nierenmark besteht aus mehreren Markpyramiden.

Hier liegen große Teile der Tubulussysteme und Sammelrohre.

Die Spitzen der Markpyramiden heißen Nierenpapillen.

Der Urin gelangt anschließend über:

Nierenpapille → Nierenkelch → Nierenbecken → Harnleiter


3. Das Nephron – die eigentliche Arbeitseinheit

Das Nephron ist die funktionelle Einheit der Niere.

Eine Niere besitzt ungefähr 800.000 bis 1 Million Nephrone.

Ein Nephron besteht vereinfacht aus:

Nierenkörperchen → Tubulussystem → Sammelrohr

Nierenkörperchen

Das Nierenkörperchen besteht aus:

  • Glomerulus
  • Bowman-Kapsel

Der Glomerulus ist ein Knäuel feinster Blutgefäße.

Hier wird Blutplasma filtriert.

Es entsteht der sogenannte Primärharn.


4. Wie entsteht Urin?

Die Urinbildung lässt sich in drei große Prozesse unterteilen:

1. Filtration

Im Glomerulus wird Blutplasma durch die Filtrationsbarriere gepresst.

Wasser und kleine gelöste Stoffe gelangen in die Bowman-Kapsel.

Blutzellen und größere Proteine bleiben normalerweise im Blut.

Merke:

Die Niere filtert zunächst sehr großzügig.

Pro Tag entstehen ungefähr 150–180 Liter Primärharn.

Das klingt nach einem ziemlich ambitionierten Toilettenprogramm – zum Glück wird fast alles wieder zurückgeholt.


2. Rückresorption

Im Tubulussystem werden wertvolle Stoffe wieder ins Blut aufgenommen.

Zum Beispiel:

  • Wasser
  • Natrium
  • Glukose
  • Aminosäuren
  • Bikarbonat

Dadurch werden aus den etwa 180 Litern Primärharn letztlich normalerweise nur ungefähr 1–2 Liter endgültiger Urin.


3. Sekretion

Bestimmte Stoffe werden aktiv aus dem Blut in den Tubulus abgegeben.

Zum Beispiel:

  • H⁺
  • Kalium
  • bestimmte Medikamente
  • organische Säuren und Basen

Dadurch kann die Niere die Zusammensetzung des Blutes sehr fein regulieren.


5. Die wichtigsten Funktionen der Niere

5.1 Ausscheidung

Die Niere entfernt unter anderem:

  • Harnstoff
  • Kreatinin
  • Harnsäure
  • überschüssige Elektrolyte
  • Stoffwechselprodukte
  • viele Medikamente und deren Abbauprodukte

5.2 Wasserhaushalt

Die Niere entscheidet wesentlich darüber, wie viel Wasser ausgeschieden oder zurückgehalten wird.

Ein besonders wichtiges Hormon ist:

ADH – antidiuretisches Hormon

ADH erhöht die Wasserrückresorption im Sammelrohr.

Viel ADH → weniger, konzentrierter Urin

Wenig ADH → mehr, verdünnter Urin


5.3 Elektrolythaushalt

Die Niere reguliert unter anderem:

  • Natrium
  • Kalium
  • Calcium
  • Phosphat
  • Magnesium

Eine Nierenerkrankung kann deshalb erhebliche Elektrolytverschiebungen verursachen.

Besonders gefährlich ist eine Hyperkaliämie.

Zu viel Kalium im Blut kann die elektrische Erregungsleitung des Herzens verändern und schwere Herzrhythmusstörungen verursachen.


6. Säure-Basen-Haushalt

Die Niere trägt gemeinsam mit der Lunge wesentlich zur Regulation des pH-Wertes bei.

Sie:

  • scheidet H⁺ aus
  • bildet bzw. erhält Bikarbonat
  • reguliert die Ausscheidung von Säure

Bei fortgeschrittener Niereninsuffizienz kann deshalb eine metabolische Azidose entstehen.

Das Blut wird dabei saurer.


7. Die Niere und der Blutdruck

Die Niere ist eng mit der Blutdruckregulation verbunden.

Eine wichtige Rolle spielt das:

RAAS – Renin-Angiotensin-Aldosteron-System

Bei vermindertem Nierendurchfluss kann die Niere Renin freisetzen.

Vereinfacht:

Renin → Angiotensin I → Angiotensin II → Gefäßverengung + Aldosteronfreisetzung

Angiotensin II erhöht den Blutdruck unter anderem durch Vasokonstriktion.

Aldosteron führt zu:

mehr Natrium- und Wasserretention → höheres Blutvolumen → Blutdruckanstieg

Deshalb können Nierenerkrankungen und Bluthochdruck sich gegenseitig verstärken.


8. Hormonelle Funktionen

Die Niere produziert bzw. aktiviert wichtige Hormone.

Erythropoetin – EPO

EPO stimuliert die Bildung roter Blutkörperchen im Knochenmark.

Bei chronischer Niereninsuffizienz kann die EPO-Produktion abnehmen.

Folge:

renale Anämie

Typisch sind beispielsweise:

  • Müdigkeit
  • Leistungsabnahme
  • Blässe
  • Dyspnoe bei Belastung

Vitamin D

Die Niere aktiviert Vitamin D zur wirksamen Form Calcitriol.

Calcitriol ist wichtig für:

  • Calciumhaushalt
  • Phosphathaushalt
  • Knochenstoffwechsel

Bei chronischer Niereninsuffizienz kann deshalb eine Störung des Knochenstoffwechsels entstehen.


9. Nierenerkrankungen – wo kann etwas schiefgehen?

Eine sehr hilfreiche Einteilung ist die Frage:

An welcher Stelle liegt das Problem?

Man kann grob unterscheiden:

Prärenal

Problem vor der Niere.

Beispiel:

  • starker Blutverlust
  • schwere Dehydratation
  • Schock
  • stark vermindertes Herzzeitvolumen

Die Niere bekommt zu wenig Blut.


Renal

Das eigentliche Nierengewebe ist geschädigt.

Beispiele:

  • Glomerulonephritis
  • akute Tubulusschädigung
  • toxische Nierenschädigung
  • diabetische Nephropathie

Postrenal

Der Urin kann nach der Niere nicht richtig abfließen.

Beispiele:

  • Nierenstein
  • Prostatavergrößerung
  • Tumor
  • Harnleiterobstruktion

Dadurch steigt der Druck im Harnsystem und kann das Nierengewebe schädigen.


10. Akute Nierenschädigung – AKI

AKI = Acute Kidney Injury

Eine akute Nierenschädigung entwickelt sich innerhalb kurzer Zeit.

Die Nierenfunktion nimmt plötzlich ab.

Mögliche Ursachen sind:

  • Flüssigkeitsmangel
  • Blutverlust
  • Schock
  • schwere Infektionen
  • Medikamente
  • Kontrastmittel
  • Harnabflussstörung
  • akute Erkrankungen der Nierengefäße oder Glomeruli

Typische Folgen

  • Kreatininanstieg
  • verminderte GFR
  • verminderte Urinproduktion
  • Flüssigkeitsüberladung
  • Elektrolytstörungen
  • metabolische Azidose

Eine AKI muss nicht zwingend mit Oligurie einhergehen.

Es kann also trotz erheblicher Nierenschädigung noch relativ viel Urin produziert werden.


11. Oligurie und Anurie

Oligurie bedeutet eine deutlich reduzierte Urinmenge.

Anurie bedeutet nahezu vollständiges Ausbleiben der Urinproduktion.

Als grobe Orientierung gilt bei Erwachsenen:

Oligurie < 0,5 ml/kg/h

Eine Anurie wird häufig bei einer Urinmenge von etwa <100 ml/24 h definiert.

Die genaue Beurteilung hängt allerdings vom klinischen Zusammenhang und der verwendeten Definition ab.


12. Chronische Nierenkrankheit – CKD

CKD = Chronic Kidney Disease

Eine chronische Nierenkrankheit liegt vor, wenn eine strukturelle oder funktionelle Nierenschädigung über mindestens drei Monate besteht.

Die häufigsten Ursachen sind:

  • Diabetes mellitus
  • arterielle Hypertonie
  • Glomerulopathien
  • chronische tubulointerstitielle Erkrankungen
  • erbliche Nierenerkrankungen

13. Warum ist CKD so problematisch?

Die Niere besitzt eine enorme Funktionsreserve.

Das bedeutet:

Ein erheblicher Teil der Nephrone kann bereits ausgefallen sein, bevor deutliche Beschwerden auftreten.

Deshalb kann eine chronische Nierenerkrankung lange unbemerkt bleiben.

Mit zunehmendem Nephronverlust müssen die verbleibenden Nephrone mehr Arbeit übernehmen.

Das kann zunächst funktionieren.

Langfristig kann die Mehrbelastung jedoch wiederum zur Schädigung beitragen.

Es entsteht ein Teufelskreis:

Nephronverlust → Belastung der verbleibenden Nephrone → weitere Schädigung → noch mehr Nephronverlust


14. GFR – die wichtigste Kennzahl

GFR = glomeruläre Filtrationsrate

Sie beschreibt vereinfacht, wie viel Flüssigkeit die Glomeruli pro Zeit filtrieren.

Die GFR wird in der Praxis meist geschätzt:

eGFR = estimated GFR

Sie wird unter anderem aus:

  • Kreatinin
  • Alter
  • Geschlecht

und je nach verwendeter Formel weiteren Faktoren berechnet.


CKD-Stadien

Stadium eGFR ml/min/1,73 m² Einordnung
G1 ≥ 90 normal/hoch
G2 60–89 leicht vermindert
G3a 45–59 leicht bis mäßig vermindert
G3b 30–44 mäßig bis stark vermindert
G4 15–29 stark vermindert
G5 <15 Nierenversagen

Wichtig:

Eine eGFR ≥60 allein bedeutet noch nicht automatisch eine chronische Nierenerkrankung. Für die Diagnose müssen weitere Kriterien bzw. Hinweise auf eine Nierenschädigung berücksichtigt werden.


15. Kreatinin

Kreatinin entsteht beim Muskelstoffwechsel und wird überwiegend über die Nieren ausgeschieden.

Wenn die Filtrationsleistung der Niere abnimmt, steigt Kreatinin häufig im Blut an.

Aber:

Kreatinin ist kein perfekter Nierenwert.

Denn der Kreatininwert hängt unter anderem von der Muskelmasse ab.

Ein muskulöser Mensch kann einen höheren Kreatininwert haben, ohne dass eine Nierenerkrankung vorliegt.

Bei einem Menschen mit sehr geringer Muskelmasse kann eine relevante Nierenfunktionsstörung dagegen trotz relativ niedrigem Kreatinin weniger offensichtlich sein.


16. Proteinurie und Albuminurie

Gesunde Glomeruli halten größere Proteine weitgehend im Blut zurück.

Wenn die Filtrationsbarriere geschädigt wird, können Proteine in den Urin gelangen.

Besonders wichtig ist:

Albuminurie

Albumin im Urin kann ein früher Hinweis auf eine Schädigung der glomerulären Filtrationsbarriere sein.


17. Glomerulonephritis

Bei einer Glomerulonephritis sind die Glomeruli entzündet bzw. immunologisch geschädigt.

Dadurch verändert sich die Filtrationsbarriere.

Mögliche Folgen:

  • Hämaturie
  • Proteinurie
  • Ödeme
  • Hypertonie
  • Abnahme der GFR

18. Nephritisches Syndrom

Das nephritische Syndrom ist keine einzelne Erkrankung, sondern eine typische Kombination von Befunden.

Typisch sind:

  • Hämaturie
  • Proteinurie
  • Hypertonie
  • verminderte Nierenfunktion
  • Flüssigkeitsretention

Die Entzündung des Glomerulus führt dazu, dass Blutbestandteile und Proteine leichter durch die geschädigte Filtrationsbarriere gelangen.


19. Nephrotisches Syndrom

Beim nephrotischen Syndrom steht dagegen eine starke Proteinurie im Vordergrund.

Durch den Proteinverlust sinkt insbesondere die Albuminkonzentration im Blut.

Das kann zu:

Hypoalbuminämie → verminderter kolloidosmotischer Druck → Flüssigkeit tritt ins Gewebe → Ödeme

führen.

Typisch sind:

  • starke Proteinurie
  • Hypoalbuminämie
  • Ödeme
  • häufig Hyperlipidämie

20. Warum entstehen bei Nierenerkrankungen Ödeme?

Ödeme können bei Nierenerkrankungen mehrere Ursachen haben.

Mechanismus 1: Natrium- und Wasserretention

Wenn die Niere weniger Natrium und Wasser ausscheidet:

Na⁺-Retention → Wasserretention → Blutvolumen steigt → Ödeme

Mechanismus 2: Proteinverlust

Bei starker Proteinurie:

Albuminverlust → niedriger kolloidosmotischer Druck → Flüssigkeit wandert ins Interstitium

Beides kann gleichzeitig auftreten.


21. Pyelonephritis

Die Pyelonephritis ist eine bakterielle Entzündung des Nierenbeckens und des Nierengewebes.

Häufig entsteht sie durch einen aufsteigenden Harnwegsinfekt.

Vereinfacht:

Harnröhre → Blase → Harnleiter → Niere

Typische Symptome:

  • Fieber
  • Schüttelfrost
  • Flankenschmerzen
  • Krankheitsgefühl
  • Dysurie
  • häufig Harndrang

Der typische Klopfschmerz über der Nierenregion wird als Nierenlagerklopfschmerz bezeichnet.

Eine Pyelonephritis kann schwer verlaufen und zu einer Urosepsis führen.


22. Zystitis und Pyelonephritis – Unterschied

Zystitis:

Entzündung der Harnblase.

Typisch:

  • Brennen beim Wasserlassen
  • häufiger Harndrang
  • kleine Urinmengen
  • Unterbauchbeschwerden

Pyelonephritis:

Infektion des oberen Harntrakts bzw. Nierenbeckens und Nierengewebes.

Typisch:

  • Fieber
  • Schüttelfrost
  • Flankenschmerzen
  • deutlich stärkeres Krankheitsgefühl

Eine Zystitis kann sich zu einer Pyelonephritis entwickeln.


23. Nierensteine – Urolithiasis

Bei einer Urolithiasis bilden sich Kristalle bzw. Steine im Harntrakt.

Häufig bestehen sie aus:

  • Calciumoxalat
  • Calciumphosphat
  • Harnsäure
  • Struvit
  • Cystin

Nierenkolik

Wenn ein Stein in den Harnleiter gelangt, kann er diesen verlegen.

Der Harnleiter versucht durch kräftige Muskelkontraktionen, den Stein weiterzutransportieren.

Das verursacht häufig extrem starke, wellenförmige Schmerzen.

Typisch:

  • Flanken-/Rückenschmerzen
  • Ausstrahlung in Unterbauch oder Leiste
  • Unruhe
  • Übelkeit/Erbrechen
  • eventuell Hämaturie

24. Harnabflussstörung und Hydronephrose

Wenn der Urin nicht abfließen kann, entsteht ein Rückstau.

Beispielsweise:

Stein → Harnleiter blockiert → Urin staut sich → Druck steigt

Eine länger bestehende Abflussbehinderung kann das Nierengewebe schädigen.

Eine Erweiterung des Nierenbeckenkelchsystems durch Harnstau wird als Hydronephrose bezeichnet.


25. Diabetische Nephropathie

Diabetes mellitus gehört zu den wichtigsten Ursachen chronischer Nierenschäden.

Chronisch erhöhte Blutzuckerwerte können die kleinen Blutgefäße und die glomeruläre Filtrationsbarriere schädigen.

Ein wichtiger früher Marker ist:

Albuminurie

Die Erkrankung kann langfristig zu einer CKD und schließlich zur terminalen Niereninsuffizienz führen.


26. Hypertensive Nierenschädigung

Auch chronischer Bluthochdruck kann die Nieren schädigen.

Dauerhaft hoher Druck belastet die kleinen Nierengefäße.

Dadurch können:

Gefäßschädigung → Durchblutungsstörung → Nephronschädigung → GFR-Abnahme

entstehen.

Interessanterweise kann die Beziehung auch umgekehrt verlaufen:

Nierenerkrankung → RAAS-Aktivierung/Natriumretention → Hypertonie

Damit können sich Hypertonie und Nierenerkrankung gegenseitig verstärken.


27. Polyzystische Nierenerkrankung

Bei der autosomal-dominanten polyzystischen Nierenerkrankung (ADPKD) entwickeln sich zahlreiche Zysten in den Nieren.

Die Zysten können mit zunehmender Größe:

  • Nierengewebe verdrängen
  • die Nieren vergrößern
  • die Nierenfunktion beeinträchtigen

Weitere mögliche Probleme sind:

  • Hypertonie
  • Nierensteine
  • Harnwegsinfektionen
  • Zysten in anderen Organen

Die Erkrankung ist erblich.


28. Nierenkarzinom

Das häufigste bösartige Nierenparenchymkarzinom beim Erwachsenen ist das Nierenzellkarzinom.

Mögliche Symptome:

  • Hämaturie
  • Flankenschmerzen
  • tastbare Raumforderung

Diese klassische Kombination ist allerdings eher selten.

Viele Nierentumoren werden heute zufällig bei bildgebenden Untersuchungen entdeckt.


29. Niereninsuffizienz

Eine Niereninsuffizienz bedeutet, dass die Nieren ihre Funktionen nicht mehr ausreichend erfüllen können.

Man unterscheidet:

akut → innerhalb kurzer Zeit

chronisch → über längere Zeit fortschreitend

Bei fortgeschrittener Niereninsuffizienz können sich im Körper zahlreiche Stoffe ansammeln.

Besonders relevant sind:

  • Harnstoff
  • Kreatinin
  • Kalium
  • Säuren
  • Wasser

30. Urämie

Bei schwerer Niereninsuffizienz können sich harnpflichtige Substanzen und andere Stoffwechselprodukte im Körper anreichern.

Das Krankheitsbild wird als Urämie bezeichnet.

Mögliche Symptome:

  • Übelkeit
  • Erbrechen
  • Appetitlosigkeit
  • Müdigkeit
  • Konzentrationsstörungen
  • Juckreiz
  • Bewusstseinsstörungen
  • Krampfanfälle
  • Perikarditis

Eine schwere Urämie ist ein medizinischer Notfall.


31. Hyperkaliämie – eine besonders gefährliche Komplikation

Bei eingeschränkter Nierenfunktion kann Kalium nicht ausreichend ausgeschieden werden.

Es entsteht:

Hyperkaliämie

Das Problem:

Kalium beeinflusst das Membranpotenzial von Muskel- und Nervenzellen.

Besonders kritisch ist der Herzmuskel.

Mögliche EKG-Veränderungen:

  • hohe, spitze T-Wellen
  • Verlängerung des PR-Intervalls
  • Verbreiterung des QRS-Komplexes
  • schwere Bradykardien
  • Kammerflimmern
  • Asystolie

Wichtig:

Die EKG-Veränderungen verlaufen nicht immer in einer festen Reihenfolge.


32. Metabolische Azidose bei Niereninsuffizienz

Die Niere kann Säuren nicht mehr ausreichend ausscheiden und Bikarbonat nicht mehr ausreichend erhalten bzw. regenerieren.

Dadurch:

H⁺ steigt → HCO₃⁻ sinkt → pH sinkt

Es entsteht eine metabolische Azidose.

Der Körper versucht unter anderem über die Lunge zu kompensieren.

Azidose → verstärkte Atmung → CO₂-Abgabe steigt


33. Renale Anämie

Bei chronischer Nierenerkrankung sinkt häufig die EPO-Produktion.

Dadurch produziert das Knochenmark weniger Erythrozyten.

Zusätzlich können bei CKD weitere Faktoren eine Rolle spielen, beispielsweise:

  • Eisenmangel
  • chronische Entzündung
  • verkürzte Lebensdauer der Erythrozyten

Folge:

Anämie → reduzierte Sauerstofftransportkapazität


34. Störung des Knochenstoffwechsels

Bei CKD können Calcium-, Phosphat-, Vitamin-D- und Parathormon-Haushalt aus dem Gleichgewicht geraten.

Vereinfacht:

Niereninsuffizienz → Phosphat steigt + Calcitriol sinkt → Calciumregulation verändert sich → PTH steigt

Das kann langfristig zu Veränderungen von Knochen und Gefäßen führen.

Das gesamte Krankheitsbild wird heute unter CKD-MBD zusammengefasst:

Chronic Kidney Disease – Mineral and Bone Disorder


35. Diagnostik bei Nierenerkrankungen

Zur Beurteilung werden mehrere Bausteine kombiniert.

Blutuntersuchung

Wichtig sind beispielsweise:

  • Kreatinin
  • eGFR
  • Harnstoff
  • Natrium
  • Kalium
  • Calcium
  • Phosphat
  • Bikarbonat
  • Blutbild

Urinuntersuchung

Untersucht werden können:

  • Erythrozyten
  • Leukozyten
  • Protein
  • Albumin
  • Glukose
  • Nitrit
  • pH
  • spezifisches Gewicht

Auch das Urinsediment kann wichtige Hinweise liefern.


Bildgebung

Zum Beispiel:

  • Sonografie
  • CT
  • MRT

Die Nierensonografie ist häufig eine wichtige erste Untersuchung.

Sie kann unter anderem Hinweise geben auf:

  • Nierengröße
  • Zysten
  • Harnstau
  • Steine
  • Raumforderungen

36. Nierenbiopsie

Bei bestimmten Erkrankungen kann eine Nierenbiopsie notwendig sein.

Dabei wird eine kleine Gewebeprobe entnommen und histologisch untersucht.

Sie kann beispielsweise helfen, verschiedene Formen der Glomerulonephritis zu unterscheiden.


37. Therapie

Die Behandlung richtet sich immer nach der Ursache.

Mögliche Maßnahmen:

  • Flüssigkeitstherapie
  • Behandlung von Infektionen
  • Blutdruckkontrolle
  • Blutzuckerkontrolle
  • Behandlung von Elektrolytstörungen
  • Medikamente
  • Behandlung einer Harnabflussstörung
  • Entfernung von Nierensteinen
  • Immunsuppression bei bestimmten immunologischen Erkrankungen
  • Dialyse
  • Nierentransplantation

38. Dialyse

Wenn die Nierenfunktion sehr stark eingeschränkt ist, kann eine Nierenersatztherapie notwendig werden.

Die Dialyse übernimmt einen Teil der Aufgaben der Niere.

Hämodialyse

Das Blut wird außerhalb des Körpers über ein Dialysegerät gereinigt.

Vereinfacht:

Blut → Dialysator → gereinigtes Blut → Körper

Dabei werden unter anderem:

  • harnpflichtige Substanzen
  • überschüssiges Wasser
  • bestimmte Elektrolyte

entfernt.


Peritonealdialyse

Hier dient das Peritoneum, also das Bauchfell, als natürliche Austauschmembran.

Dialyselösung wird in die Bauchhöhle eingebracht.

Stoffe können aus dem Blut über das Bauchfell in die Dialyselösung übertreten.

Anschließend wird die Flüssigkeit wieder abgelassen.


39. Nierentransplantation

Bei terminalem Nierenversagen kann eine Nierentransplantation eine Möglichkeit sein.

Eine funktionierende Spenderniere übernimmt dann die Nierenfunktion.

Nach einer Transplantation ist allerdings eine dauerhafte Immunsuppression erforderlich, damit das Immunsystem das fremde Organ nicht abstößt.


40. Pflege bei Nierenerkrankungen

Für die Pflege ist besonders wichtig, Veränderungen frühzeitig wahrzunehmen.

Flüssigkeitsbilanz

Bei vielen Nierenerkrankungen ist die Flüssigkeitsbilanz besonders wichtig.

Dokumentiert werden beispielsweise:

Einfuhr:

  • Getränke
  • Infusionen
  • Sondennahrung
  • flüssige Medikamente

Ausfuhr:

  • Urin
  • Erbrechen
  • Drainagen
  • ggf. andere relevante Flüssigkeitsverluste

Gewichtskontrolle

Das Körpergewicht kann ein sehr guter Hinweis auf Flüssigkeitsveränderungen sein.

1 kg Gewichtszunahme ≈ 1 Liter zusätzliche Körperflüssigkeit

Diese Faustregel ist nicht perfekt, aber klinisch sehr hilfreich.

Bei rascher Gewichtszunahme sollte insbesondere bei Herz- oder Nierenerkrankungen an Flüssigkeitsretention gedacht werden.


Beobachtung von Ödemen

Beobachtet werden:

  • Beine
  • Knöchel
  • Hände
  • Gesicht
  • Sakralbereich bei immobilen Menschen

Auch Hautspannung und Umfang können beobachtet werden.


Blutdruck

Nierenerkrankungen und Hypertonie beeinflussen sich gegenseitig.

Deshalb sind regelmäßige Blutdruckkontrollen häufig wichtig.


Urin beobachten

Achten auf:

  • Menge
  • Farbe
  • Geruch
  • Trübung
  • Blutbeimengungen
  • Schaumbildung

Besonders auffällig sind:

Hämaturie → Blut im Urin

Proteinurie → Eiweiß im Urin

Oligurie → deutlich verminderte Urinmenge

Anurie → nahezu kein Urin


41. Ernährung

Die Ernährung richtet sich stark nach dem Stadium und der konkreten Erkrankung.

Mögliche Einschränkungen bzw. Anpassungen betreffen:

  • Natrium
  • Flüssigkeit
  • Kalium
  • Phosphat
  • Protein

Aber:

Eine pauschale „Nierendiät“ gibt es nicht.

Bei einem Patienten mit CKD kann beispielsweise eine Kaliumrestriktion notwendig sein, während sie bei einem anderen Patienten nicht erforderlich ist.

Auch eine zu starke Eiweißrestriktion kann problematisch sein.

Ernährung sollte deshalb individuell anhand der Nierenfunktion und Laborwerte geplant werden.


42. Medikamente und Niere

Die Niere spielt eine wichtige Rolle beim Abbau bzw. bei der Ausscheidung vieler Medikamente.

Bei eingeschränkter Nierenfunktion können Medikamente deshalb länger oder stärker wirken.

Manche Medikamente müssen entsprechend:

  • niedriger dosiert
  • seltener gegeben
  • ersetzt

werden.

Besonders relevant sind Medikamente mit ausgeprägter renaler Ausscheidung.


43. Nephrotoxische Medikamente

Einige Medikamente können die Nieren schädigen oder bei eingeschränkter Nierenfunktion problematisch sein.

Ein bekanntes Beispiel sind:

NSAR – nichtsteroidale Antirheumatika

z. B.:

  • Ibuprofen
  • Diclofenac
  • Naproxen

Sie können unter bestimmten Bedingungen die Nierendurchblutung beeinträchtigen.

Besonders problematisch kann die Kombination aus:

RAAS-Blockade + Diuretikum + NSAR

sein.

Sie wird umgangssprachlich als „Triple Whammy“ bezeichnet, weil sie das Risiko einer akuten Nierenschädigung erhöhen kann.


44. Wichtige pflegerische Beobachtungskriterien

Bei einem Patienten mit möglicher Nierenerkrankung sollte man unter anderem beobachten:

Allgemeinzustand

  • Müdigkeit
  • Schwäche
  • Übelkeit
  • Verwirrtheit
  • Bewusstseinsveränderungen

Flüssigkeit

  • Gewicht
  • Ödeme
  • Ein-/Ausfuhr
  • Atemnot

Urin

  • Menge
  • Farbe
  • Blut
  • Schaumbildung
  • Auffälligkeiten beim Wasserlassen

Kreislauf

  • Blutdruck
  • Puls
  • orthostatische Beschwerden

Labor

  • Kreatinin
  • eGFR
  • Kalium
  • Natrium
  • Harnstoff
  • Bikarbonat
  • Hb

45. Wann wird es akut gefährlich?

Besonders aufmerksam sollte man werden bei:

  • plötzlich stark abnehmender Urinmenge
  • Anurie
  • rascher Gewichtszunahme
  • zunehmenden Ödemen
  • Dyspnoe
  • schwerer Hyperkaliämie
  • Herzrhythmusstörungen
  • ausgeprägter Verwirrtheit
  • Krampfanfällen
  • schwerer Azidose
  • Zeichen einer Sepsis

Eine Kombination aus Nierenfunktionsstörung + Hyperkaliämie + EKG-Veränderungen ist insbesondere ein medizinischer Notfall.


46. Die wichtigsten Zusammenhänge

Eine sehr gute Lernstrategie ist, die Nierenerkrankungen nicht isoliert zu lernen, sondern als Ketten zu verstehen.

Nierenschaden

Nephronverlust

GFR sinkt

Ausscheidung von Wasser und Stoffwechselprodukten nimmt ab

Flüssigkeitsretention + Anstieg harnpflichtiger Substanzen

Ödeme + Hypertonie + Urämie


Kalium

GFR sinkt

Kaliumausscheidung sinkt

Hyperkaliämie

Störung des Membranpotenzials

Herzrhythmusstörungen


EPO

Nierenschaden

EPO-Produktion sinkt

Erythrozytenbildung sinkt

Anämie

Müdigkeit + Leistungsminderung + Dyspnoe bei Belastung


Vitamin D

Nierenschaden

weniger Aktivierung von Vitamin D

weniger Calcitriol

Störung des Calcium-/Phosphathaushalts

sekundärer Hyperparathyreoidismus + Knochenveränderungen


47. Merksätze

Die Niere ist Filter, Regler und Hormondrüse zugleich.

Kreatinin steigt häufig, wenn die GFR sinkt – aber Kreatinin allein beweist keine Niereninsuffizienz.

Albumin im Urin kann ein früher Hinweis auf eine glomeruläre Schädigung sein.

Ödeme können durch Wasser-/Natriumretention oder durch Proteinverlust entstehen.

Prärenal = vor der Niere, renal = in der Niere, postrenal = hinter der Niere.

Bei Niereninsuffizienz besonders an Kalium, Säure-Basen-Haushalt und Flüssigkeit denken.

Die Niere und der Blutdruck hängen eng zusammen – in beide Richtungen.


48. Das große Gesamtbild

Nierenerkrankungen lassen sich wesentlich leichter verstehen, wenn man sich die Niere als Kombination aus mehreren Systemen vorstellt:

Filter

→ Glomerulus → Blut wird filtriert

Rückgewinnungsanlage

→ Tubulussystem → Wasser und wertvolle Stoffe werden zurückgeholt

Entsorgungsanlage

→ Ausscheidung von Stoffwechselprodukten

Regelzentrum

→ Wasser → Natrium → Kalium → Säure-Basen-Haushalt

Blutdruckregler

→ Renin/RAAS

Hormonsystem

→ EPO → Vitamin-D-Aktivierung

Fällt die Nierenfunktion ab, sind deshalb nicht nur „die Nierenwerte“ betroffen.

Es können gleichzeitig Probleme mit Flüssigkeit, Elektrolyten, Blutdruck, Säure-Basen-Haushalt, Blutbildung und Knochenstoffwechsel entstehen.

Genau deshalb ist eine fortgeschrittene Niereninsuffizienz eine systemische Erkrankung und nicht lediglich ein Problem der Urinproduktion.

Wenn du möchtest, können wir danach als zweiten Lernartikel noch die einzelnen Nierenerkrankungen richtig auseinandernehmen – z. B. AKI, CKD, Glomerulonephritis, nephrotisches/nephritisches Syndrom, Pyelonephritis, Steine und Dialyse jeweils mit Ursachen → Pathophysiologie → Symptome → Diagnostik → Therapie → Pflege. Das wäre dann quasi die „Nieren-Serie 2.0“.