Pflegetheorien

Eine Pflegetheorie ist ein systematisch aufgebautes, wissenschaftlich fundiertes Gedankengebäude, das Phänomene der Pflege beschreibt, erklärt und Handlungsanweisungen für die Praxis ableitet.

Die Geschichte der Pflegetheorien beginnt in den USA und Großbritannien In Deutschland haben sie sich vor allem in den 80er und 90er Jahren verbreitet Die Praxistauglichkeit, Notwendigkeit und Wirksamkeit von Pflegetheorien wird bis heute diskutiert Pflegetheorien sind nicht mit Pflegemodellen gleichzusetzen Pflegetheorien bieten die Grundlage für verschiedene Pflegemodelle, welche grob zusammengefasst in folgende Kategorien unterteilt werden können:

  • Bedürfnismodelle (Hauptfokus liegt auf den Bedürfnissen des Menschen)
  • Interaktionsmodelle (im Mittelpunkt stehen zwischenmenschliche Beziehungen)
  • Pflegeergebnismodelle (Konzepte und Pflegeansätze konzentrieren sich auf das Endergebnis der Pflege)

Thematische Gliederung von Pflegetheorien und -konzepten

1. Interaktionstheorien

Hauptfokus: Beziehung und Kommunikation zwischen Pflegekraft und Patient:in.
Beispiele:

Hildegard Peplau (1909–1999)

Interaktionstheorie
Typ Mensch: Patient:innen im sozialen Austausch.
Kernidee: Pflege ist eine therapeutische Beziehung zwischen Pflegeperson und Patient:in. Kommunikation, Vertrauen und Zusammenarbeit sind zentral. Ebenso das bewußt machen von Rollen in dem Prozes (Orientierung → Identifikation → Nutzung → Ablösung).
Außerhalb der Pflege: Prinzipien wie aktive Kommunikation, Empathie und Beziehungsgestaltung werden auch in Beratung, Sozialarbeit oder Psychotherapie genutzt.

Imogene King (1923–2007)

Theorie der Zielerreichung, gemeinsame Zielsetzung.
Typ Mensch: Menschen mit eigenen Zielen und Bedürfnissen.** Kernidee: Pflege ist ein dynamischer Prozess, bei dem Patient:in und Pflegekraft gemeinsam Ziele definieren und verfolgen.
Fokus: Interaktion, Feedback, Zielabgleich, Entscheidungshilfe.
Außerhalb der Pflege: Kann auf Management, Coaching oder pädagogische Kontexte übertragen werden – überall, wo Zusammenarbeit und Zielvereinbarung zentral sind.

Josephine Paterson & Loretta Zderad (1924–2007; 1925–2014)

Theorie der humanistischen Pflege, existentielle Begegnung. Typ Mensch: Der einzigartige Mensch in einer konkreten Situation. Kernidee: Pflege ist eine existentielle Begegnung ("I-and-Thou"). Durch "dialogische Gemeinschaft" und phänomenologische Betrachtung wird eine maßgeschneiderte, fürsorgliche Pflege möglich.

Joyce Travelbee: Mensch-zu-Mensch-Begegnung, Leidenserfahrung.

2. Bedürfnis- und Aktivitätstheorien

Hauptfokus: Patient:innen als Träger bestimmter Grundbedürfnisse; Pflege hilft beim Erfüllen.
Beispiele:

Virginia Henderson (1897–1996)

Typ Mensch: Individuen mit Grundbedürfnissen.
Kernidee: Pflege unterstützt Menschen, die Aktivitäten des täglichen Lebens nicht selbst durchführen können, bis sie wieder unabhängig sind. 14 Grundbedürfnisse stehen im Mittelpunkt (z. B. Atmen, Essen, Schlafen, Bewegung, soziale Kontakte).

Nancy Roper, Winifred Logan & Alison Tierney: Modell der Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL).

Typischer Einsatz: Strukturierung von Pflegeplänen, Assessments.

3. Selbstpflegetheorien

Hauptfokus: Patient:innen als aktive Akteur:innen ihrer eigenen Pflege.
Beispiele, startet mit:

Dorothea Orem (1914–2007) – Selbstpflegetheorie

Typ Mensch: Menschen mit unterschiedlichen Selbstpflegefähigkeiten.
Kernidee: Pflege hilft, Selbstpflegedefizite zu überwinden. Ziel: Patient:innen sollen lernen, sich selbst zu versorgen.
Beispiele, weitere:

Barbara Riegel

„A Middle-Range Theory of Self-Care of Chronic Illness“ (2012)
Spezialisierung auf das Management chronischer Erkrankungen; unterscheidet zwischen genereller (Gesunderhaltung) und krankheitsspezifischer Selbstpflege.

Nola J. Pender

„Health Promotion Model“ (1982) Fokus auf gesundheitsförderndes Verhalten und Prävention bei (noch) Gesunden; sieht Selbstpflege als proaktive Entscheidung.

Nancy Roper, Winifred Logan & Alison Tierney

„Lebensmodell der Pflege“ (urspr. 1976)
Die eigenständige Durchführung von Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL/ADL) als Gradmesser für Gesundheit und Selbstpflegefähigkeit.

Typischer Einsatz: Patientenedukation, Förderung von Eigenverantwortung.

4. Umwelttheorien

Hauptfokus: Gesundheit wird durch die (physische und soziale) Umwelt beeinflusst.

Beispiele:

Florence Nightingale (1820–1910)

Typ Mensch: Patient:innen, die durch ihre Umgebung beeinflusst werden.
Kernidee: Gesundheit wird durch eine saubere, ruhige, gut belüftete Umgebung gefördert. Pflege reduziert Krankheiten, indem sie die Umgebung optimiert.

Typischer Einsatz: Hygienemaßnahmen, Raumgestaltung, Prävention.

5. Adaptations- und Systemtheorien

Hauptfokus: Mensch als offenes System, das sich an Umweltveränderungen anpasst.

Beispiele:

Callista Roy (1939)

Adaptationstheorie, vier Anpassungsmodi. Typ Mensch: Menschen als offene Systeme.
Kernidee: Pflege unterstützt die Anpassung des Patienten an Umweltveränderungen, um Gesundheit zu fördern.

Betty Neuman (1924–2022)

System-Modell, Stressoren und Schutzlinien. Typ Mensch: Mensch als offenes System, das von Stressoren bedroht wird. Kernidee: Der Klient befindet sich im Zentrum von Schutzlinien (normal, flexibel, resistent). Pflege zielt auf die Stabilisierung des Systems durch primäre, sekundäre und tertiäre Prävention gegen Stressoren.

Typischer Einsatz: Rehabilitation, chronische Erkrankungen, Stressmanagement.

6. Kultur- und Ganzheitstheorien

Hauptfokus: Mensch als kulturelles, ganzheitliches Wesen (Körper, Geist, Seele, Soziales).

Beispiele:

Madeleine Leininger (1925–2012)

Kulturpflege-Theorie, Kulturangepasste Pflege (Transkulturelle Pflege). Typ Mensch: Menschen in ihrem kulturellen Kontext.
Kernidee: Pflege muss kulturell angepasst sein. Unterschiede in Werten, Bräuchen und Lebensweise beeinflussen die Pflegeplanung.

Jean Watson (1940)

Theorie der humanen Fürsorge
Typ Mensch: Ganzheitlicher Patient (Körper, Geist, Seele).
Kernidee: Pflege fördert Heilung durch Mitgefühl, Aufmerksamkeit und Beziehungspflege. Die „Carative Faktoren“ betonen menschliche Fürsorge.

Martha E. Rogers (1914–1994)

Wissenschaft der einheitlichen Menschen (Science of Unitary Human Beings)
Typ Mensch: Ein unteilbares, energiegeladenes Feld, das mit dem Umweltfeld verschmolzen ist.
Kernidee: Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Teile. Pflege zielt auf harmonische Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt. Sehr abstrakt und grundlegend für viele spätere ganzheitliche Theorien.
Ihre "Wissenschaft der einheitlichen Menschen" ist einer der radikalsten ganzheitlichen Ansätze. Sie lehnt ein reduktionistisches, teilorientiertes Denken komplett ab. Der Mensch ist ein untrennbares Energiefeld, das mit dem Universum verschmilzt. Das ist die ultimative Ganzheitlichkeit.

Rosemarie Rizzo Parse (1930–2021)

Theorie des menschlichen Werdens (Theory of Human Becoming) Typ Mensch: Der Mensch als co-kreativer Gestalter seiner Gesundheit.
Kernidee: Gesundheit ist kein Ziel, sondern ein lebenslanger Prozess des Werdens. Pflege begleitet den Menschen dabei, seine Lebenssinnhaftigkeit zu finden und Entscheidungen im Zusammenhang mit seinen Werten zu treffen.

Typischer Einsatz: Multikulturelle Pflege, Spiritualität, palliative Pflege, ganzheitliche Gesundheitsförderung.

7. Gesundheits- und Salutogenesetheorien

Hauptfokus: Gesundheit, Ressourcen, Widerstandsfähigkeit (statt Krankheitsorientierung). Beispiele:

Aaron Antonovsky (1923 - 1994)

Salutogenese, Kohärenzgefühl (SOC).
Wie ensteht Gesundheit und wie kann sie gefördert werden

Typischer Einsatz: Prävention, Gesundheitsförderung, Stärkung von Ressourcen, Resilienzförderung.

8. Aktivitäts- und Modelltheorien (deutschsprachig, praxisnah)

Hauptfokus: Praxisnah, handlungsorientiert, Strukturierung des Pflegeprozesses.

Beispiele:

Monika Krohwinkel (1941 in Hamburg)

Fördernde Prozesspflege, Modell der Aktivitäten und existentiellen Erfahrungen des Lebens (AEDL).
Typ Mensch: Menschen in ihrer Ganzheit und Individualität.
Kernidee: Pflege soll fördern, erhalten, wiederherstellen und Leiden lindern. Der Fokus liegt auf den Aktivitäten und existenziellen Erfahrungen des Lebens (AEDL), um Selbständigkeit und Wohlbefinden in allen Lebensbereichen zu unterstützen. (Sehr praxisprägend im deutschsprachigen Raum).

Typischer Einsatz: Pflegeplanung, Assessment, Dokumentation im deutschsprachigen Raum.

Zusammenfassender Merksatz:

  • Interaktionstheorien: Fokus auf Beziehung & Kommunikation.
  • Bedürfnis-/Selbstpflege-/Umwelttheorien: Fokus auf Patient:in und deren Grundfunktionen.
  • Adaptation-/Ganzheits-/Salutogenese-/Modelltheorien: Fokus auf Systeme, Ressourcen, Gesundheit, Kultur und Alltag.

Top 5 Pflege-TheoretikerInnen – Kernwissen

TheoretikerIn Grundidee Menschenbild Praxisnutzen Abgrenzung / Besonderheiten
Nancy Roper Lebensaktivitätenmodell (AEDL) – Menschen werden über 12 Lebensaktivitäten betrachtet Mensch als aktives Wesen, das zur Selbstpflege befähigt werden kann Pflegeplanung: Bedarf ermitteln, Pflegeziele ableiten Grundlage für Krohwinkel, eher allgemein, weniger deutschsprachiger Kontext
Monika Krohwinkel Weiterentwicklung Roper, deutschsprachig; Lebensaktivitäten mit Pflegediagnosen Mensch als biopsychosoziales Wesen, eingebettet in Umwelt, mit Ressourcen Strukturierte Pflegeplanung, Assessment, Dokumentation Roper vs. Krohwinkel: Krohwinkel detaillierter, praxisnah für Deutschland
Dorothea Orem Selbstpflege-Defizit-Theorie: Pflege notwendig, wenn Patient Selbstpflege nicht leisten kann Mensch als selbstpflegendes Wesen, das unterstützt werden muss Pflegeinterventionen ableiten, Pflegebedarf erkennen Fokus stärker auf Defizit vs. Ressourcen
Hildegard Peplau Interaktionstheorie: Beziehung Pflegeperson – Patient Mensch als soziales Wesen, Beziehung ist therapeutisch wirksam Beziehungsgestaltung, Kommunikation, Pflegeprozess Theorie stark psychologisch, weniger physisch/funktional als Roper/Krohwinkel
Aaron Antonovsky Salutogenese: Gesundheitsförderung, Kohärenzgefühl (Verstehbarkeit, Handhabbarkeit, Sinnhaftigkeit) Mensch als selbstheilendes und widerstandsfähiges Wesen Ressourcenorientierte Pflege, Stressbewältigung, Prävention Ergänzt klassische Defizitmodelle, Fokus auf Gesundheit statt Krankheit

Weitere 5 Pflege-TheoretikerInnen – Kurzüberblick

TheoretikerIn Grundidee Menschenbild Praxisnutzen Abgrenzung / Besonderheiten
Virginia Henderson 14 Grundbedürfnisse: Pflege als Unterstützung beim selbständigen Handeln Mensch als autonomes Wesen mit Basisbedürfnissen Pflegebedarf erkennen, Pflegeplanung, Patientenschulung Sehr praxisnah, Basismodell, oft Vergleich zu Roper/Krohwinkel
Madeleine Leininger Transkulturelle Pflege: Kultur beeinflusst Pflege Mensch als kulturell eingebettetes Wesen Pflege an kulturelle Bedürfnisse anpassen, interkulturelle Kompetenz Ergänzt klassische Modelle durch kulturelle Perspektive
Callista Roy Adaptationsmodell: Mensch als biopsychosoziales System, das auf Umwelt reagiert Mensch als offenes System, das sich anpasst Pflegediagnosen, Anpassungsstrategien, Rehabilitation Theorie sehr systemisch, eher abstrakt
Martha Rogers Science of Unitary Human Beings: Mensch und Umwelt als Energieeinheit Mensch als energetisches, dynamisches System Reflexion von Pflege auf höherer, theoretischer Ebene Stark abstrakt, selten direkt prüfungsrelevant
Jean Watson Caring Science: Pflege als Beziehung, Fürsorge, Achtsamkeit Mensch als wertvolles, einzigartiges Wesen Beziehungsgestaltung, Patientenzentrierte Pflege, Ethik Fokus auf Caring und Beziehung, Ergänzung zu Peplau

Hildegard Peplau

Posted on 8th Feb 2026

Hildegard Peplau (1909 Reading, Pennsylvania - 1999) war eine amerikanische Krankenschwester, Pflegetheoretikerin und Professorin. Sie entwickelte die Theorie der interpersonalen Beziehung, auf der das Pflegemodell der psychodynamischen Pflege basiert. Ihre Arbeiten gelten als die erste Pflegetheo...

Virginia Henderson

Posted on 7th Feb 2026

Virginia Avernal Henderson (* 30. November 1897 in Kansas City, Missouri; † 19. März 1996 Brandford, Connecticut) war eine US-amerikanische Krankenschwester, Pflegetheoretikerin und bekannte Verfasserin von Pflegelehrbüchern. 1918 begann sie in der Army School of Nursing in Washington, D.C. (Mil...

Monika Krohwinkel

Posted on 6th Feb 2026

Monika Krohwinkel (* 1941 in Hamburg) ist eine deutsche Pflegewissenschaftlerin. Sie war von 1993 bis 1999 Professorin für Pflege an der Evangelischen Hochschule Darmstadt. Auf Krohwinkel geht das Modell der fördernden Prozesspflege zurück. Leben Monika Krohwinkel absolvierte eine Hebammen- und...

Nancy Roper

Posted on 6th Feb 2026

Nancy Roper (* 29. September 1918 in Wetheral, Cumberland, England; † 5. Oktober 2004 in Edinburgh, Schottland) war eine britische Pflegewissenschaftlerin. Zusammen mit Winifred W. Logan und Alison Tierney gehörte sie zu den Schöpfern eines an der Universität von Edinburgh entwickelten Pflegemodells...

Dorothea Orem

Posted on 6th Feb 2026

Dorothea Elizabeth Orem (* 15. Juli 1914 in Baltimore, Maryland, Vereinigte Staaten; † 22. Juni 2007 in Savannah) war eine US-amerikanische Krankenschwester, Pflegetheoretikerin und Unternehmerin. Leben Orem absolvierte 1930 ihr Examen an der Krankenpflegeschule des Providence Hospital in Wash...