Erbrechen
Pathophysiologie des Erbrechens
Erbrechen ist ein komplexer Schutzreflex, der vom Brechzentrum im Hirnstamm (Medulla oblongata) gesteuert wird. Dieses erhält Signale aus verschiedenen Quellen:
- Magen und Darm (über den Nervus vagus)
- Gleichgewichtsorgan
- Chemorezeptor-Triggerzone (CTZ)
- Höhere Hirnzentren (z. B. Ekel, Angst)
Werden genügend Reize ausgelöst, koordiniert das Brechzentrum:
- Übelkeit
- vermehrten Speichelfluss
- Würgen
- kräftige Kontraktion von Bauchmuskeln und Zwerchfell
- Erschlaffung des unteren Ösophagussphinkters
- Ausstoßen des Mageninhalts
Was passiert bei einer allergischen Reaktion?
Bei einer Anaphylaxie binden Allergene an IgE-Antikörper auf Mastzellen und Basophilen Granulozyten.
Diese schütten innerhalb von Sekunden bis Minuten zahlreiche Mediatoren aus:
- Histamin
- Leukotriene
- Prostaglandine
- Tryptase
- Platelet Activating Factor (PAF)
- verschiedene Zytokine
Diese Stoffe wirken nicht nur auf Haut und Bronchien, sondern auch sehr stark auf den Magen-Darm-Trakt.
Warum kommt es zu Erbrechen?
1. Direkte Wirkung von Histamin
Histamin bindet an H1- und H2-Rezeptoren im Magen-Darm-Trakt.
Dadurch entstehen:
- verstärkte Darmbewegungen
- Magenkrämpfe
- Bauchschmerzen
- Übelkeit
- Erbrechen
2. Reizung des Nervus vagus
Die Entzündungsmediatoren reizen sensible Nervenendigungen in Magen und Darm.
Diese senden Signale über den Nervus vagus zum Brechzentrum.
Das Gehirn interpretiert dies als Gefahr und löst Erbrechen aus.
3. Starke Darmkontraktionen
Leukotriene und andere Mediatoren führen zu:
- heftigen Darmkrämpfen
- gesteigerter Peristaltik
Deshalb treten häufig gleichzeitig auf:
- Bauchschmerzen
- Durchfall
- Erbrechen
Gerade Kinder zeigen bei einer Anaphylaxie oft zunächst gastrointestinale Symptome.
4. Blutdruckabfall
Im anaphylaktischen Schock erweitern sich die Blutgefäße massiv.
Dadurch:
- sinkt der Blutdruck,
- die Durchblutung des Magen-Darm-Trakts nimmt ab,
- es entsteht Übelkeit.
Das verstärkt den Brechreiz zusätzlich.
Warum ist Erbrechen gefährlich?
Bei einer schweren Anaphylaxie besteht die Gefahr von:
- Aspiration, besonders bei Bewusstseinsstörungen.
- zusätzlichem Flüssigkeitsverlust durch Erbrechen und oft gleichzeitig Durchfall.
- weiterer Verschlechterung des Kreislaufs durch Volumenverlust.
Deshalb gehören Patienten mit wiederholtem Erbrechen und Verdacht auf Anaphylaxie engmaschig überwacht.
Merkhilfe für die Pflege
Treten nach Kontakt mit einem möglichen Allergen gleichzeitig auf:
- Hautreaktionen (Quaddeln, Juckreiz)
- Atemprobleme
- Erbrechen oder Durchfall
- Blutdruckabfall
... sollte immer an eine Anaphylaxie gedacht werden – auch wenn Hautsymptome fehlen. Gastrointestinale Beschwerden können ein frühes oder sogar dominierendes Zeichen sein.
Für die Prüfung
Merksatz:
Histamin wirkt nicht nur auf Haut und Bronchien, sondern auch auf den Magen-Darm-Trakt. Die Freisetzung von Histamin und anderen Entzündungsmediatoren reizt den Nervus vagus, steigert die Darmmotilität und aktiviert das Brechzentrum – dadurch entstehen Übelkeit, Erbrechen, Bauchkrämpfe und häufig auch Durchfall.
In der Pflege ist wichtig zu wissen, dass plötzliches Erbrechen nach Allergenkontakt – insbesondere zusammen mit Atemwegs- oder Kreislaufsymptomen – als mögliches Zeichen einer beginnenden oder bereits schweren Anaphylaxie gewertet werden sollte.