Ketoernährung

Danke, Don! Das war ein sehr interessantes Interview. Es enthält viele spannende Gedanken, vermischt aber wissenschaftlich gut belegte Erkenntnisse, plausible Hypothesen und persönliche Einschätzungen. Genau das macht eine Einordnung wichtig.

Hier ist eine strukturierte Zusammenfassung.


Zusammenfassung des Interviews

Die Biochemikerin und Ärztin Prof. Dr. Dr. Simone Kreß beschäftigt sich mit dem Einfluss der Ernährung auf das Immunsystem und den Stoffwechsel. Im Mittelpunkt steht die ketogene Ernährung, die sie sowohl wissenschaftlich untersucht als auch in ihrer Praxis einsetzt.

Ihre zentrale Botschaft lautet:

Es gibt keine optimale Ernährung für alle Menschen. Ernährung sollte individuell an Stoffwechsel, Erkrankungen, Sport und Verträglichkeiten angepasst werden.


Was ist die ketogene Ernährung?

Grundprinzip

Bei einer ketogenen Ernährung werden Kohlenhydrate extrem reduziert.

Typisch:

  • unter 20–30 g Kohlenhydrate pro Tag
  • ausreichend Eiweiß
  • viel Fett

Dadurch schaltet der Körper vom Zuckerstoffwechsel in den sogenannten Fastenstoffwechsel.

Die Leber produziert dann aus Fettsäuren sogenannte Ketonkörper.

Diese dienen als Energiequelle für

  • Gehirn
  • Muskeln
  • Herz
  • viele andere Organe.

Warum funktioniert das?

Evolutionär mussten Menschen häufig Hungerperioden überstehen.

Damit das Gehirn trotzdem Energie erhält:

  • Fett → Leber
  • Leber → Ketonkörper
  • Ketonkörper → Gehirn

Ketose ist also eigentlich ein natürlicher Überlebensmechanismus.


Wie erreicht man Ketose?

Durch

  • Fasten oder

  • sehr wenige Kohlenhydrate.

Nach ungefähr

  • 1–2 Tagen (bei Anpassung)
  • 3–5 Tagen (beim ersten Mal)

stellt der Körper auf Ketose um.

Messbar ist das über

  • Blut
  • Atem
  • Urin.

Ernährungsanleitung aus dem Interview

Erlaubt

✅ Fleisch

✅ Fisch

✅ Eier

✅ grüne Gemüse

✅ Olivenöl

✅ Kokosöl

✅ Avocados

✅ Nüsse

✅ Samen

✅ Butter

✅ hochwertige Fette


Eingeschränkt

Eiweiß nicht unbegrenzt.

Warum?

Zu viel Protein wird über die Gluconeogenese wieder zu Glukose.

Dadurch sinkt die Ketose.


Möglich

Keto-Ersatzprodukte

  • Mandelmehl
  • Kokosmehl
  • Leinmehl
  • Sonnenblumenmehl
  • Konjaknudeln

Vermeiden

  • Brot
  • Nudeln
  • Reis
  • Kartoffeln
  • Zucker
  • Süßigkeiten
  • Obst (größtenteils)
  • Getreide

Milchprodukte

Interessante Aussage:

Milchprodukte können bei manchen Menschen

  • Insulin erhöhen
  • dadurch Ketose bremsen.

Das sei individuell unterschiedlich.


Welche Vorteile werden genannt?

1. Gewichtsabnahme

Durch Ketose nutzt der Körper verstärkt Fettreserven.

Gut belegt:

⭐⭐⭐⭐☆


2. Epilepsie

Hier ist die Datenlage hervorragend.

Seit rund 100 Jahren wird Keto bei therapieresistenter Epilepsie eingesetzt.

Sehr gut belegt.

⭐⭐⭐⭐⭐


3. Blutzucker

Weniger Kohlenhydrate

weniger Insulin

stabilerer Blutzucker

Gut belegt.

⭐⭐⭐⭐☆


4. Entzündungen

Sie berichtet über eigene Forschungsarbeiten:

Ketonkörper verändern Immunzellen.

Beobachtet wurden

  • geringere Entzündungsaktivität
  • bessere Funktion bestimmter T-Zellen
  • stärkere Immunantwort bei Bedarf

Hier läuft noch viel Forschung.

Der Bereich ist spannend.

Evidenz:

⭐⭐⭐☆☆


5. Autoimmunerkrankungen

Sie berichtet über positive Erfahrungen bei

  • Psoriasis
  • Rheuma

Mechanismus:

  • weniger entzündliche TH17-Zellen
  • mehr regulatorische T-Zellen

Das klingt biologisch plausibel.

Es fehlen aber noch große klinische Studien.

⭐⭐☆☆☆


6. Krebs

Hier ist sie erstaunlich vorsichtig.

Sie sagt ausdrücklich:

Es gibt noch keine ausreichenden Studien.

Möglicherweise könnte Keto das Immunsystem unterstützen.

Aber:

niemals als alleinige Krebstherapie.

Das entspricht dem wissenschaftlichen Konsens.

⭐⭐☆☆☆


7. Psychiatrische Erkrankungen

Diskutiert werden

  • Depression
  • Bipolare Störung
  • Schizophrenie

Erste kleine Studien sind interessant.

Aber:

noch keine ausreichende Evidenz.

⭐⭐☆☆☆


Sporternährung

Hier widerspricht sie vielen Influencern.

Sie sagt:

Kraftsport

Ketogen kann funktionieren.


Ausdauersport

Schwieriger.

Warum?

Hohe Intensitäten benötigen weiterhin Glukose.

Anaerobe Belastung funktioniert nicht ausschließlich mit Ketonen.

Das entspricht auch der heutigen Sportwissenschaft.


Sie empfiehlt:

nicht dogmatisch ketogen,

sondern

individuell angepasst.


Carnivore Ernährung

Sehr spannend war ihre Einordnung.

Sie glaubt nicht, dass Fleisch "magisch" gesund macht.

Sie vermutet einen anderen Mechanismus:

Durch den Verzicht auf

  • Getreide
  • Hülsenfrüchte
  • Pflanzenstoffe

werden mögliche Immunreize entfernt.

Dadurch könnten manche Menschen mit

  • Autoimmunerkrankungen
  • chronischen Schmerzen
  • Darmerkrankungen

profitieren.

Sie betont aber ebenfalls:

Es fehlen Langzeitstudien.


Cholesterin

Sie widerspricht der klassischen Vorstellung:

"Butter macht hohe Cholesterinwerte."

Ihre Argumentation:

Mehr Kohlenhydrate

mehr Insulin

mehr körpereigene Cholesterinproduktion.

Tatsächlich produziert der Körper den Großteil seines Cholesterins selbst. Allerdings ist die Regulation des Cholesterinstoffwechsels komplex und wird nicht nur durch Insulin bestimmt. Gesättigte Fette können bei manchen Menschen das LDL-Cholesterin erhöhen, bei anderen deutlich weniger. Die wissenschaftliche Datenlage ist hier differenzierter als im Interview dargestellt.


Intervallfasten

Ihre Empfehlung:

Nur wenn es keinen Stress erzeugt.

Nicht jeder profitiert.

Wenn Fasten ständig belastet,

ist der Nutzen fraglich.


Protein

Sie hält

0,8 g/kg

für sportlich aktive Menschen eher zu niedrig.

Sie empfiehlt ungefähr

1,5 g Protein pro kg Körpergewicht

für viele aktive Menschen.

Das deckt sich weitgehend mit Empfehlungen der Sporternährung für Kraft- und Ausdauersportler.


Personalisierte Ernährung

Für sie stehen folgende Punkte im Mittelpunkt:

  • individuelle Verträglichkeiten
  • Lebensstil
  • Trainingsumfang
  • Stoffwechsel
  • persönliche Vorlieben
  • langfristige Umsetzbarkeit

Nicht:

"Eine Diät für alle."


Ernährungsprinzipien, die sie empfiehlt

✔ wenig Zucker

✔ möglichst wenig stark verarbeitete Lebensmittel

✔ hochwertige Fette

✔ ausreichend Protein

✔ frische Lebensmittel

✔ genügend Gemüse (außer bei speziellen Eliminationsdiäten)

✔ individuelle Anpassung

✔ auf Entzündungen achten

✔ nicht dogmatisch essen

✔ Ernährung dauerhaft umsetzbar gestalten


Kritische wissenschaftliche Einordnung

Gut belegt

  • Ketogene Ernährung bei Epilepsie.
  • Gewichtsabnahme (zumindest kurzfristig).
  • Verbesserung der Blutzuckerkontrolle bei Typ-2-Diabetes.
  • Ketonkörper dienen dem Gehirn als alternative Energiequelle.
  • Intervallfasten kann bei manchen Menschen Stoffwechselvorteile bringen.

Vielversprechend, aber noch nicht abschließend belegt

  • Wirkung auf Autoimmunerkrankungen.
  • Unterstützung bei Krebs als Begleitmaßnahme.
  • Psychiatrische Erkrankungen.
  • Direkte immunmodulierende Effekte beim Menschen.

Deutlich umstritten oder zu stark vereinfacht

  • Kohlenhydrate seien grundsätzlich "entzündungsfördernd". Entscheidend sind Art, Menge und Ernährungsmuster; Vollkorn und ballaststoffreiche Lebensmittel wirken bei vielen Menschen eher günstig.
  • Butter bzw. gesättigte Fette hätten generell keinen negativen Einfluss auf Cholesterin. Das lässt sich so pauschal nicht sagen.
  • Carnivore Ernährung sei langfristig sicher oder besonders gesund. Dafür fehlen belastbare Langzeitdaten.

Mein Fazit

Das Interview ist insgesamt ungewöhnlich ausgewogen, weil Prof. Kreß an vielen Stellen offen sagt: "Das wissen wir noch nicht." Das ist ein gutes wissenschaftliches Zeichen.

Ihre stärksten Botschaften sind aus meiner Sicht:

  • Ernährung sollte stärker individualisiert werden.
  • Weniger stark verarbeitete Lebensmittel und weniger Zucker sind sinnvoll.
  • Ausreichend Protein ist besonders für aktive Menschen wichtig.
  • Ketogene Ernährung ist ein medizinisches Werkzeug – kein Allheilmittel.
  • Ernährung kann das Immunsystem beeinflussen, aber viele Mechanismen werden noch erforscht.

Gerade der letzte Punkt passt gut zu den Themen, über die wir in den letzten Tagen gesprochen haben: Stoffwechsel, Insulin, Schlaf, Entzündung und Regeneration hängen viel enger zusammen, als man noch vor 20 Jahren angenommen hat. Die Forschung entwickelt sich hier sehr dynamisch – gleichzeitig lohnt es sich, zwischen gut belegten Erkenntnissen und vielversprechenden Hypothesen zu unterscheiden.

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