Strukturmodell mit SIS


das Strukturmodell („SIS®“) ist wirklich im Kommen — und zwar kräftig.

💡 Früher war in der Pflegeausbildung und Praxis oft das klassische 6-Stufen-Pflegeprozess-Modell von Fiechter & Meier das Nonplusultra:
Das war Jahrzehnte lang Standard in Lehrbüchern und Praxis.
👉 Seit ein paar Jahren (offiziell eingeführt um 2015–2017) hat sich das sogenannte Strukturmodell mit der SIS (Strukturierten Informationssammlung) entwickelt. Ziel war Entbürokratisierung – also weniger Papierkram, mehr Zeit für Pflege.

🧠 Was ist der Unterschied?
6-Stufen-Modell: klassisch, theoriebasiert, ausführlich (inkl. expliziter Zielformulierung).
Strukturmodell: praktisch, schlank, auf vier Schritte reduziert (SIS → Maßnahmenplan → Bericht → Evaluation) und stark praxis- bzw. personenbezogen.

📈 Und wie verbreitet ist das jetzt?
Immer mehr Einrichtungen setzen das Strukturmodell ein – viele Praxen schätzen den geringeren Dokumentationsaufwand und die bessere Fokussierung auf das, was wirklich relevant ist.
Es wird inzwischen auch in der Ausbildung gelehrt, was ein gutes Indiz dafür ist, dass es nicht nur ein „Trend“ ist, sondern langfristig Fuß fasst.
🦶 Also kurz gesagt:
Das klassische 6-Stufen-Modell ist nach wie vor eine solide Grundlage für Pflegeprozessdenken und wird in Schule & Theorie noch durchgenommen.
Aber in der Pflegepraxis in Deutschland (stationär & ambulant) setzt sich das Strukturmodell mit SIS immer mehr durch — vor allem wegen Entbürokratisierung und Praxisbezogenheit.

Das Strukturmodell und die darin enthaltene Strukturierte Informationssammlung (SIS®) bilden fachlich-inhaltlich eine Einheit. Das Konzept der SIS® ist der Einstieg in den vierphasigen Pflegeprozess und kann nur von hierin geschulten Pflegefachkräften angewandt werden. Jeder Aspekt des Strukturmodells mit seinen vier Elementen ist im Entwicklungs- und Erprobungsprozess sorgfältig fachlich wie juristisch abgewogen worden. Die im Abschlussbericht des BMG aus April 2014 getroffenen fachlichen und juristischen Aussagen gelten nur bei Verwendung der durch das BMG und die Pflegebevollmächtigte freigegebenen Fassungen des Strukturmodells (Version 1.1 und ggf. spätere Versionen) und nur bei unveränderter Verwendung in der vorgesehenen Art und Weise. Jede abweichende Verwendung von den veröffentlichten Versionen der SIS®, des Strukturmodells und der Handlungsanleitung, z. B. die Verwendung nur einzelner Abschnitte aus der SIS® in Dokumentationssystemen, ist urheberrechtlich nicht zulässig. Für Hersteller von IT- sowie papiergestützten Dokumentationssystemen hat die Pflegebevollmächtigte ein gemeinsam von Branchenverbänden und dem Projektbüro EinSTEP erstelltes „Anforderungsprofil“ mit fachlichen Empfehlungen veröffentlicht, deren Beachtung gleichzeitig eine urheberrechtlich zulässige Nutzung der SIS® und des Strukturmodells bei der technischen Implementierung in Dokumentationssysteme sicherstellt.

Orientierungshilfe für die Strukturierte Informationssammlung SIS

Die folgenden Kriterien dienen der Einstufung der Pflegebedürftigkeit und sind als Orientierungshilfe für die Erstellung einer adäquaten Pflegedokumentation gedacht.
Die meisten Kriterien unterscheiden in selbständig / überwiegend selbständig / überwiegend unselbständig / unselbständig.
Die Pflegedokumentation/SIS sollte diese Kriterien offensichtlich bzw. direkt ableitbar dokumentieren. Das heißt nicht, dass die Formulierungen und Abstufungen wörtlich oder gar vollständig aufgeführt werden müssen. Oft lassen sich aus einem dokumentierten Kriterium viele weitere ableiten, ohne explizit genannt zu werden. Die SIS soll informativ, kompakt, leicht lesbar und verständlich sein.
als pdf: Orientierungshilfe SIS WEB.pdf
zum Ausfüllen: 669579c2288d96188e1eb1f8_SIS-stationaer_ausfuellbar_A4_V2.0_2017.pdf
ausfüllbare Versionen für weitere Bereiche

Themenfeld 1 kognitive und kommunikative Fähigkeiten (bei der Einstufung: Modul 2)

  1. Erkennen von Personen aus dem näheren Umfeld Menschen, mit denen im Alltag regelmäßig persönlicher Kontakt besteht, z. B. Familienmitglieder, Mitbewohner, Pflegekräfte.
  2. Örtliche Orientierung Zurechtfinden in der räumlichen Umgebung.
  3. Zeitliche Orientierung Erkennen zeitlicher Strukturen wie Uhrzeit, Tagesabschnitte, Jahreszeiten, auch die zeitliche Abfolge des eigenen Lebens.
  4. Erinnern an wesentliche Ereignisse oder Beobachtungen Erinnern kurz und länger zurückliegender Ereignisse oder Beobachtungen.
  5. Steuern von mehrschrittigen Alltagshandlungen Handlungen die häufig vorkommen und aus mehreren Teilhandlungen bzw. Einzelschritten bestehen.
  6. Treffen von Entscheidungen im Alltagsleben Tätigkeiten wie die Kleiderwahl oder die Teilnahme an Aktivitäten oder der Umgang mit Geld.
  7. Verstehen von Sachverhalten und Informationen Aufnahme und adäquate Deutung von Situationen, Ereignissen oder mündlichen und schriftlichen Informationen.
  8. Erkennen von Risiken und Gefahren Risiken und Gefahren in der häuslichen und außerhäuslichen Umgebung – auch Einschätzung des eigenen Sturzrisikos.
  9. Mitteilen von elementaren Bedürfnissen Mitteilen der eigenen Befindlichkeit (z. B. Hunger, Durst, Müdigkeit, Schmerz etc.) – per Sprache oder durch Laute, Mimik, Gestik bzw. unter Nutzung von Hilfsmitteln (bei Sprachstörungen oder eingeschränkter Sprachfähigkeit).
  10. Verstehen von Aufforderungen Verstehen einfacher Aufforderungen und Bitten.
  11. Beteiligen an einem Gespräch Dem Sinn und Inhalt eines Gesprächs folgen und sich daran beteiligen.

Themenfeld 2 Mobilität und Beweglichkeit (bei der Einstufung: Modul 1)

  1. Positionswechsel im Bett z. B. auf die Seite drehen.
  2. Halten einer stabilen Sitzposition Sitzen auf einem Bett oder Stuhl ohne Rücken- oder Armlehne.
  3. Umsetzen Aufstehen von einer Sitzfläche (Stuhl, Rollstuhl) und das Umsetzen auf eine andere Sitzgelegenheit (vom Rollstuhl zur Toilette).
  4. Fortbewegen innerhalb des Wohnbereichs sicheres Bewegen innerhalb des eigenen Wohnbereichs.
  5. Treppensteigen

Themenfeld 3 krankheitsbezogene Anforderungen und Belastungen

  1. Medikation Orale Medikation, Augen- oder Ohrentropfen, Zäpfchen und Medikamentenpflaster
  2. Injektionen s. c./i. m. subkutane Injektionen wie Insulin/Heparin
  3. Versorgung intravenöser Zugänge
  4. Absaugen oder Sauerstoffgaben (auch das An-/Ablegen von Sauerstoffbrillen oder Atemmasken)
  5. Kälte-/Wärmeanwendungen Ärztlich verordnete Salben, Cremes, Emulsionen etc. sowie verordnete Kälte- und Wärmeanwendungen.
  6. Messung und Deutung von Körperzuständen (z. B. BZ, RR, Temperatur, Körpergewicht) auf ärztliche Anordnung
  7. Umgang mit körpernahen Hilfsmitteln Prothesen (außer Zahnprothesen – siehe Themenfeld 4), Brille, Hörgerät, orthopädische Schuhe, Kompressionsstrümpfe
  8. Verbandwechsel/Wundversorgung bei chronischen Wunden wie Ulcus cruris oder Dekubitus
  9. Wundversorgung bei Stoma Pflege künstlicher Öffnungen wie Tracheostoma, PEG, suprapubischer Blasenkatheter, Urostoma, Kolo- oder Ileostoma nach ärztlicher Verordnung
  10. regelmäßige Einmalkatheterisierung, Nutzung von Abführmethoden; auch die Anwendung von Klistieren/Einläufen
  11. Therapiemaßnahmen in häuslicher Umgebung Hilfestellung bei krankengymnastischen Übungen, Atemübungen oder logopädischen Übungen
  12. zeit- und technikintensive Maßnahmen in häuslicher Umgebung wie etwa Hämodialyse oder Beatmung
  13. Arztbesuche
  14. Besuch anderer medizinischer/therapeutischer Einrichtungen
  15. zeitlich ausgedehnter Besuch medizinisch/therapeutischer Einrichtungen
  16. Einhaltung einer Diät und anderer krankheits- oder therapiebedingter Verhaltensvorschriften

Themenfeld 4 Selbstversorgung (bei der Einstufung Modul 4)

  1. vorderen Oberkörper waschen
  2. Rasieren, Kämmen, Zahnpflege, Zahnprothesen – Reinigung und Wechsel
  3. Intimbereich waschen
  4. Duschen oder Baden (einschließlich Haare waschen)
  5. Oberkörper an- und auskleiden
  6. Unterkörper an- und auskleiden
  7. Essen mundgerecht zubereiten/Getränk eingießen
  8. Essen
  9. Trinken
  10. Toilette/Toilettenstuhl benutzen
  11. Folgen einer Harninkontinenz bewältigen/Umgang mit Dauerkatheter bzw. Urostoma
  12. Folgen einer Stuhlinkontinenz bewältigen/Umgang mit Stoma

Themenfeld 5 Leben in sozialen Beziehungen (bei der Einstufung: Modul 6)

  1. Tagesablauf gestalten und an Veränderungen anpassen: Bewusste Tagesgestaltung und -einteilung.
  2. Ruhen und Schlafen Einhalten eines individuellen Tag-Nacht-Rhythmus.
  3. sich beschäftigen Auswahl und Durchführung individuell geeigneter Freizeitbeschäftigungen
  4. in die Zukunft gerichtete Planungen vornehmen
  5. Interaktion mit Personen im direkten Kontakt
  6. Kontaktpflege zu Personen außerhalb des direkten Umfelds Die folgenden Kriterien fallen unterschiedlich in die Themenfelder 1, 3 und 5 und können dort individuell und dem Kontext entsprechend eingeordnet werden.

Verhaltensweisen und psychische Problemlagen (bei Einstufung Modul 3)

  1. motorisch geprägte Verhaltensauffälligkeiten Zielloses Umhergehen. Selbstgefährdendes Verlassen der Einrichtung ohne Begleitung. Rastlosigkeit, ständiges Aufstehen/Hinsetzen oder Hin- und Herrutschen.
  2. nächtliche Unruhe Nächtliches Umherirren oder Unruhephasen. Gestörter Tag-Nacht-Rhythmus.
  3. selbstschädigendes und autoaggressives Verhalten Selbstverletzung mit Gegenständen. Absichtliches auf-den-Boden-Fallen. Ungenießbare Substanzen essen oder trinken. Sich selbst kratzen, beißen, schlagen.
  4. Beschädigen von Gegenständen Zerstören, Treten, Wegstoßen von Gegenständen.
  5. physisch aggressives Verhalten gegenüber anderen Personen Schlagen, Stoßen, Bedrängen, Verletzen anderer Personen.
  6. verbale Aggression Verbale Beschimpfungen oder Bedrohungen.
  7. andere pflegerelevante vokale Auffälligkeiten Lautes Rufen, Schreien, Klagen ohne nachvollziehbaren Grund. Schimpfen und Fluchen, seltsame Laute. Ständige Wiederholung von Sätze oder Fragen.
  8. Abwehr pflegerischer oder anderer unterstützender Maßnahmen Ablehnen notwendiger Hilfestellungen. Manipulation an Vorrichtungen (Katheter, Infusion). Ablehnen der Nahrungsaufnahme und Medikamenteneinnahme.
  9. Wahnvorstellungen Visuelle, akustische oder andere Halluzinationen. Berichte über Kontakt zu verstorbenen oder imaginären Personen. Gefühl der Verfolgung oder Bedrohung. Angst bestohlen zu werden.
  10. Ängste Starke Ängste oder Sorgen, Angstattacken (Zittern, Weinen, Schreien, Erstarren). Besondere Angst bei Pflegemaßnahmen oder mit anderen Personen.
  11. Antriebslosigkeit bei depressiver Stimmungslage Scheinbares Desinteresse an der Umgebung. Mangelnde Initiative. Traurigkeit oder Apathie. Tagsüber im Bett bleiben.
  12. sozial inadäquate Verhaltensweisen Distanzloses Verhalten (fremde Zimmer betreten, Umarmen Fremder), unerwünschte sexuelle Annäherungsversuche, unpassendes Auskleiden, Anspucken anderer. Vehemente Forderung nach Aufmerksamkeit.
  13. sonstige pflegerelevante inadäquate Handlungen Ständige Wiederholung gleicher Bewegungen. Verstecken oder Horten von Gegenstände. Exkremente Verteilen, Urinieren im Wohnraum.

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